So geht gute Nachbarschaft mit Amseln
Der Ratgeber für das friedliche Miteinander von Mensch und Wildtier
In «Wildtiere am Haus» widmen sich Michael Stocker, Sebastian Meyer und Iris Scholl den Tierarten, welche Gebäude als Teil ihres Lebensraums nutzen, und den Massnahmen, die zur Erhaltung und zur Förderung dieser Arten sowie zum friedlichen Zusammenleben beitragen.
Fassaden, Gärten und Kamine sind bei Spatzen, Schwalben, Falken, Insekten, Spinnen, Mardern und anderen Tierarten sehr beliebt. Denn Häuser bieten nicht nur uns Menschen Sicherheit und Schutz, sondern auch vielen Wildtieren. Für einige Arten sind sie Bestandteil ihres Lebensraums, und viele der an und in Häusern lebenden Tierarten und deren Nester sind naturschutzrechtlich geschützt. Nicht immer aber stimmen die Bedürfnisse der Menschen mit denen der Tiere überein, und es kommt zu Konflikten. Sei es, dass einige Tiere Schmutz oder Schäden verursachen oder dass der Mensch Strukturen und Nischen so verändert, dass die Tiere ihr Zuhause verlieren. Hier setzen die Autor:innen an: «Wildtiere am Haus» konzentriert sich auf konkrete Massnahmen für ein einvernehmliches Zusammenleben. Es beruht auf den langjährigen Erfahrungen der Autor:innen in der Zusammenarbeit mit Architekt:innen, Handwerker:innen, Hausbesitzer:innen, Immobilienverwalter:innen und Behörden und beschreibt anschaulich, wie es gelingen kann, die Bedürfnisse von Menschen und Tieren unter einen Hut zu bringen. Das Buch gibt Tipps für den Neubau, aber auch Rat für den naturschutzkonformen Umgang mit Tieren während einer Sanierung. Gleichzeitig werden einzelne Tierarten und deren Ansprüche an ihren Lebensraum vorgestellt.
In diesem Beitrag schauen wir uns die Lebensweise und Ansprüche der Amsel genauer an:
Amseln
Amseln (Turdus merula) nutzen Nischen und Astgabeln hinter einem Blätterwerk, beispielsweise hinter oder in dichten Kletterpflanzen, manchmal auch hinter Pflanzen, die auf einer Terrasse stehen. Sie sind keine eigentlichen Gebäudebrüter. Die Amseln in den Siedlungen und Städten stammen ursprünglich aus strauchreichen Wäldern. Sie haben aber ihre Scheu abgelegt. So liegen die dichtesten Amselbestände mit mehreren Brutpaaren pro Hektar in Siedlungen. Das Nahrungsangebot für diese «Fast-alles-Fresser» ist gut: Würmer, Insekten, Beeren, Früchte, Sämereien und Aas.
So erkennt man sie
Amselmännchen unverwechselbar: tiefschwarzes Federkleid, leuchtend gelber Schnabel, gelb eingefasste Augen. Wohlklingender, melodiöser Gesang, von hoch liegenden Singwarten auf Giebeln, Antennen oder Ähnlichem vorgetragen. Gefieder der Weibchen in verschiedenen dunklen Brauntönen gehalten, mit etwas hellerer Kehle, braunem Schnabel. Schwierig von anderen Drosselweibchen zu unterscheiden.
Steckbrief
- Bindung an ein bestimmtes Haus: eng; Nistplatz, ab Anfang März
- Anwesenheit im Gebiet: ganzjährig
- Aktionsradius um Brutplatz während Brut und Aufzucht: 50–500 m
- Nest: in Nischen, tragen allerlei Nistmaterial ein; 3–5 grüne, gesprenkelte Eier
- Brutbeginn: März bis Juli
- Brutdauer: 12–14 Tage
- Nestlingszeit: rund 14 Tage, ca. weitere 10–14 Tage Fütterung außerhalb des Nests,
- 2–4 Bruten pro Jahr
- Körperlänge: 24–29 cm
- Flügelspannweite: ca. 34–38 cm
- Gewicht: 80–120 g
Foto:Flickr_guddb/CC BY-ND 2.0
Anforderungen an einen idealen Nistplatz
- Die Nistunterlage misst rund 20 × 20 cm.
- Der Nistplatz liegt etwas versteckt: im Dickicht, hinter Balken, hinter Vegetation.
- Die Vögel können die Nestumgebung jederzeit beobachten.
- In der näheren Umgebung befinden sich Bodenflächen mit vielen Regenwürmern,
- Raupen, Schnecken und Insekten
Gutes Einvernehmen
Amselbruten sind unauffällig. Verschmutzungen gibt es keine, Belästigungen auch nicht.
Foto: Michael Stocker
So geht’s – Nisthilfen für Amseln
Erhalten und Erweitern: Falls ihr Nest allzu ungeschickt an einer für Katzen oder Krähen gut erreichbaren Stelle gebaut ist, schützt man es mit Maschendrahtgeflecht. Amseltaugliche Nistkästen nehmen darauf Rücksicht, dass Amseln möglichst Übersicht haben wollen. Die Nistkästen haben große seitliche Öffnungen oder zurückweichende Seitenwände zusätzlich zur weiten Frontöffnung.
Sanierung und Neubau: Am Haus bieten sich dichtlaubige Kletterpflanzen oder Spalierobstbäume als gute Nistplätze für Amseln an. Bei der Neuanlage auf ca. 1,5–3 m Höhe können amselgerechte Nischen in die Wand eingelassen werden oder die Nisthilfen werden im zukünftigen Kletterpflanzenbereich angebracht und verschwinden dann hinter der wachsenden Kletterpflanze.
Haben Sie's gewusst?
Der Nestbau ist Frauensache. Die Weibchen wählen den Niststandort. Dort bauen sie ein vierschaliges Nest. Als Erstes werden Ästchen und gröbere Halme oder auch Papier und Kunststoffe aus der Zivilisation zusammengetragen. Darauf schichtet die Amsel dünnere Halme und Moos. Anschließend wird die Schale mit Erde ausgefüllt und die Liegemulde meist mit Blättern und feinen Halmen geformt. Liegt das Nest sehr gut geschützt, wird es für die nächste Brut wiederverwendet, andernfalls baut die Amsel ein neues.
Foto: Michael Stocker
Michael Stocker, Wien, Landschaftsplaner und Zoologe. Er arbeitet seit 2000 als selbstständiger Landschaftsplaner, Zoologe und Naturvermittler. Er ist Initiator und Mitentwickler der Homepage www.bauen-tiere.ch, die vom Verein WILDTIER SCHWEIZ geführt wird.
Foto: Martha Trattner
Sebastian Meyer, Luzern, Biologe beim Planungsbüro planikum in Zürich. Er war zuvor u. a. beim Umweltschutz Stadt Luzern und der Naturschutz-Fachstelle des Kantons Aargau tätig. Daneben engagiert er sich in verschiedenen Naturschutzorganisationen.
Foto: Thomas Haug
Iris Scholl, Zürich, Ethologin, zwei Jahre Assistenz bei den Umweltwissenschaften an der Universität Zürich, seit 1995 selbstständig im Einsatz für Gebäudebrüter, Verfasserin der Broschüre "Nistplätze für Mauer und Alpensegler: Informationen rund um Baufragen".