Feuer: schonungslos und faszinierend
Mehr über das feurige Naturelement erfahren ...
Neben dramatischen Ereignissen und Katastrophen im Zusammenhang mit dem Element Feuer, erinnere ich mich, wie ich als 9-Jährige vor dem Fernseher die Farben einer Explosion und des auflodernden Feuers in den Nachrichten kommentiert und fasziniert beobachtet habe.
Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an die Waldbrandszene aus dem Film Bambi? Diese und ähnliche Szenen haben sich bei mir bis heute ins Gehirn eingebrannt.
Feuer bedeutet aber nicht nur Zerstörung, Flucht oder Tod, es kann in Form von Kerzenlicht auch Entspannung und Ruhe auslösen. Schon faszinierend, wie eine einzelne Kerzenflamme den ganzen Raum in eine einzigartige, mystische Atmosphäre tauchen kann, oder?
Oder Feuer als Trostspender und Erinnerung an einen geliebten Menschen: auch das gibt es. Ich war vor Kurzem an einer Trauerfeier, auf der wir nach der Zeremonie ein grosses gemeinschaftliches Feuer für unseren verstorbenen Freund Sam entzündet haben. Die Flammen waren innert Sekunden riesig und frassen sich gierig durch die kleinen Holzteile, die von den Gäst:innen in die Feuerschale geworfen wurden und so das Feuer, aber irgendwie auch Sam am Leben hielten. Als ich am Abend nach Hause kam, roch alles; meine Kleidung, meine Haare, meine Taschen ... Und irgendwie war es schön und tröstlich: Der Gedanke, dass wir alle diesen Tag als Erinnerung nach Hause nahmen und dort längerfristig mit unserem Riechsinn wahrnehmen konnten.
Im Buch «Feuer» liefert Stephen J. Pyne einen Überblick über die lange gemeinsame Entwicklung von Feuer und Menschheit. Er untersucht den Einfluss des Feuers auf Landschaften, Kunst und Wissenschaft und eröffnet uns so die Möglichkeit, dieses komplexe Element aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und genauer zu studieren. Viel Vergnügen beim Eintauchen in diese Materie.
Fotos: Wenn nicht anders angegeben, © Fiona Hofer.
Formwandler
Was wir Feuer nennen, ist eine chemische Reaktion. Das macht Feuer zu einem Formwandler, der sein Wesen erst aus dem Kontext erhält. Als einziges der klassischen Elemente ist es keine Substanz und beansprucht keine eigene Wissenschaftsdisziplin. Feuer ist das, was seine Umgebung daraus macht. Im Gegensatz zu Wasser, Erde und Luft hat Feuer kein Gewicht, kann nicht von einer Minute auf die andere unverändert existieren, lässt sich nicht in Reinform transportieren und kann nicht an einen anderen Ort gepumpt oder abgeladen werden. Man kann Feuer nicht tragen wie Luft, Wasser oder Erde: Man trägt das Material, das seine Reaktion ermöglicht. Verändert man sein Umfeld, verändert man seinen Ausdruck. Das kann innerhalb eines einzigen Brands geschehen, wenn ein und dasselbe Feuer sich durch organischen Boden hindurchschwelt, in trockenem Gras und Gebüsch aufflammt und durch die Wipfel von Nadelbäumen rauscht.
Ein Feuer, viele Formen. Ebenso untersuchen wir Feuer selten um seiner selbst willen, sondern begreifen es vielmehr innerhalb des Kontextes anderer Disziplinen. Seine Oxidationsreaktion wird in der Chemie untersucht. Seine Erwärmungsmechanismen gehören der Physik oder dem Maschinenbau. Seine aufsteigenden Rauchwolken und Abgase beschäftigen die Meteorologie. Seine ökologischen Auswirkungen betreffen die Biologie. Geschlossene Verbrennung gehört ins Ingenieurwesen, offene ins Forstwesen. Um Feuer an sich kümmert sich auch an großen Universitäten nur die Werkfeuerwehr. Unsere Definition des Feuers hängt also davon ab, wo wir das Thema ansiedeln. In einem Zusammenhang ist es die Chemie, in einem anderen die Physik, in einem dritten die Biologie oder sogar die Anthropologie. Wir wissen es, wenn wir es sehen – aber wie wir es sehen, bestimmt, wie wir das definieren, was wir zu wissen glauben.
Feuerverhalten
Feuer wachsen. Sie reifen und breiten sich aus. Sie entstehen, altern und sterben. Ausgewachsen streifen sie auf der Suche nach Nahrung durch Landschaften, denn ein Wald- oder Buschbrand bleibt nicht dort, wo er ausbricht. Das kann er nicht, denn bleiben heißt verhungern. Jeder Brand hat einen Lebenszyklus. Etwas muss ihn erst ins Leben rufen; die Reaktion muss außerdem mehr Wärme abgeben, als sie absorbiert, und wenn der vorrückenden Brandfront der Brennstoff ausgeht, erstirbt der Brand.
In der Natur passiert dieser Vorgang so oft, dass wir gern übersehen, wie unberechenbar und dynamisch er sein kann, oder vielleicht denken wir an unsere eigene Fähigkeit, die Komponenten zum Entzünden eines Feuers mit Bedacht zusammenzutragen, und vergessen dabei, dass die Natur dafür kein Mittel, keinen Vermittler hat. In der natürlichen Brandökonomie gibt es keine sichtbare Hand, die Flammen mit neuem Brennstoff versorgen und mit frischem Sauerstoff anfachen kann, also brennt es schubweise und jeder noch so unerwartet und heftig ausbrechende Brand verlangt bestimmte Bedingungen, die nicht lange anhalten. Brände können unvermittelt das Licht der Welt erblicken und sie fast ebenso schnell wieder verlassen. Solange sie jedoch existieren, bewegen sie sich. Auch diese Tatsache wird durch unsere Erfahrung mit gezähmten Flammen überdeckt, weil wir nicht darauf achten, wie eine Kerzenflamme sich nach unten in den Talg ausbreitet, ein Lagerfeuer sich in die größeren Scheite frisst, ein Kaminfeuer sich auf das nachgelegte Holz ausbreitet. Die Flamme eines Bunsenbrenners erscheint nur deswegen stetig, weil immer neues Gas darin aufsteigt. Oder, um es anders zu formulieren: Die Flamme brennt ebenso schnell herunter, wie frisches Gas hinaufströmt. In einer Landschaft, so die allgemeine Auffassung, breitet sich das Feuer auf frisches Brennmaterial aus, und das am schnellsten, wenn diese Brennstoffe dünn und leicht entzündlich sind. Denn in der Feuerökologie gilt: Feine Brennstoffe bestimmen das Feuerverhalten. Aber es ist ebenso möglich, wenn auch etwas verwirrend, sich die Flammen als Konstante vorzustellen, durch die sich die Landschaft hindurchbewegt.

Eine solche Perspektive würde die Vielfalt der Formen erklären, die eine Flamme annehmen kann. Wenn Hitze, Brennstoff und Sauerstoff die Verbrennungszone darstellen, beschreibt ein anderes Faktorendreieck, grob zusammengefasst als Gelände, Wetter und Brennmaterialien, das Verhalten dieser Verbrennungszone in der Bewegung über das Feuereinzugsgebiet. Wo die Flammenzone auf Hänge und Schluchten trifft; wie sie Feuchtigkeit begegnet und mit den Winden oder gegen sie läuft, wenn sie auf Stellen mit Gras, Unterholz, Bäumen, Sturmholz und Torf trifft – in jedem dieser Momente brennt sie anders und dieser Unterschied manifestiert sich in den verschiedenen Formen, die ihre voraneilende Front annimmt. Je stärker der Wind oder je steiler der Hang, desto mehr ähnelt der Umriss eines Brandes einer enger werdenden Ellipse und verwandelt sich von einem Klumpen Kohle in eine dünner werdende Zigarre. Eine kräftige Konvektionssäule dagegen kann Flammen wie ein magnetischer Torus in ihrem langsam kreisenden Bereich halten. Bringt man Gelände, Winde und Flora in einer einzigen Umgebung zusammen, überrascht es nicht, dass ein einziger Brand eine Folge von nur lose miteinander verknüpften Flammenformen hervorbringen kann.
Pyrotechnologie
Die Geschichte der Feuertechnologie erzählt im Wesentlichen, wie die Menschen das Feuer aus der Natur nahmen und neuen Zwecken zuordneten. Die übliche Version verweist auf Feuer in Feuerstellen, Brennöfen, Öfen und Maschinen, in denen Stein, Holz, Metall, Sand oder Flüssigkeiten erhitzt werden. Kontrolliertes Feuer erleuchtet Häuser und treibt Autos an. Es ist die Grundlage der industriellen Chemie. Es liefert die Energie für den Großteil menschlicher Unternehmungen. Es ist das Feuer, das wir zu symbolischen Kerzen miniaturisiert sehen und sublimiert in Elektromotoren. Wir leben in einer Welt der Feueranwendungen und Feuermaschinen. […]
Plinius der Ältere merkte im 1. Jahrhundert n. Chr. an, wie viel dieser zweiten Natur vom Feuer abhängt: «Nachdem wir nun auch alle Dinge, welche auf dem die Natur ersetzenden Erfindungsgeiste beruhen, durchgegangen haben, können wir nicht umhin, uns zu wundern, dass fast nichts ohne das Feuer zustande gebracht wird.» «Es empfängt den Sand, aus welchem es bald Glas, bald Silber, bald Mennig, bald Bleiarten, bald Farbstoffe und bald Heilmittel schmilzt. Durch das Feuer werden Steine in Erz aufgelöst, durch das Feuer wird das Eisen erzeugt und bewältigt, durch das Feuer wird das Gold vervollkommnet und durch das Feuer wird der Stein gebrannt, welcher die Bruchsteine an den Wohnungen verbindet.» […]
Daraus zu schließen, dass die Geschichte des Feuers als Technologie ein Spiegelbild seiner intellektuellen Chronik als Idee ist, wäre verlockend. Im Laufe der Zeit wurde es dem Land entnommen und in speziell errichteten Kammern eingesperrt und wildes Feuer wurde zu einer Feueranwendung, so wie ein reißender Fluss zum Wasserhahn werden kann. Die Flammen wurden auf einfache Teile heruntergebrochen, während Vorrichtungen immer mehr sowohl lenkten, was hineinging, als auch das, was herauskam. Was man Feuer nannte, wurde zu einer reineren Spezies der Verbrennung veredelt, sodass es seine Kraft nicht mehr ungezügelt über Hitze und Licht verströmte, sondern über die kontrollierte Maschinerie von Räderwerken und Drähten. Das ist das dominante Pyrotechnologie-Narrativ für die urbane Industriegesellschaft. Es erzählt von bearbeitetem Feuer, von Flammen, die mechanisch zu einem Werkzeug wie einem Hammer oder einer dampfgetriebenen Ramme umgearbeitet wurden. Es drängt das Feuer in künstlich erzeugte Nischen, wie es auch intellektuell innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen verschachtelt eingebettet ist. In dieser Formel ist das Feuer sowohl universell als auch spezifisch, weil es in praktisch jeder Kette technologischer Entwicklung irgendwo auftaucht, dabei aber seine eigene, sichtbar ausgeprägte Präsenz verliert. Letzten Endes werden die Ursprünge seiner angewandten Kraft so gründlich beseitigt, dass die Anwendenden den Rasentrimmer oder den Hybrid-SUV nicht mehr als Feuermaschine erkennen. Sie haben die Feuerstelle durch Home-Entertainment-Systeme ersetzt. Sie kennen Feuer nur noch als visuelle Präsenz auf Bildschirmen. Doch das ist eine ganz neue Erfindung. Wenn das ursprünglich befreite Feuer, wie die Mythen so oft erzählen, die Natur durchsetzte, dann hat die zweite Natur des Menschen sie erneut durchsetzt, aber auf berechnendere und gekünsteltere Weise. Mit angewandtem Feuer wandelten die Menschen Stein, Holz, Wasser und sogar Luft von bloßer Materie in nutzbare Güter um. Zum Schluss wandten sie den Prozess auf es selbst an und schufen eine zweite Natur des Feuers an sich.
Feuer in der Kunst
Jeder Gebrauch von Feuer ist ein Kunstgriff, und wie alle Fachleute bestätigen können, ist das Feuermanagement eine Kunst für sich, die grobe Steuerung auf einem Feld ebenso wie das Schüren eines Kaminfeuers. Als Katalysator für so vieles ist Feuer seit langer Zeit ein Wegbereiter der Künste. Es macht Meißel, Pigmente und Tinten erst möglich und am Feuer werden die Stammesgeschichten weitergegeben; und doch verbrennt es auch Bücher und Gemälde. Es ist überall an den Rändern; nur selten ist das Feuer selbst das Thema oder Motiv. Diese Umstände – die Beziehung zwischen Menschen, Feuer und Kunst – reichen bis in die Altsteinzeit zurück.
Die älteste erhalten gebliebene europäische Kunst sind Höhlenmalereien wie in Lascaux und Chauvet. Obwohl sie im Feuerschein mit Kohle oder im Feuer hergestellten Pigmenten entstanden, zeigen sie Rentiere und Auerochsen und Wollnashörner, keine Feuerstellen oder brennende Landschaften. Es ist unmöglich, diese Wandbilder ohne künstliches Licht abzubilden oder auch nur anzusehen, was bis vor sehr kurzer Zeit bedeutete: ohne Feuer. Doch obwohl Feuer diese skizzierte Welt erst ermöglichte, fehlt es selbst als Motiv oder ordnender Schwerpunkt. Alltagsfeuer überlebte in der Volkskunst. In solchen Werken taucht Feuer oft auf, weil es so selbstverständlich zum Alltag gehörte. Lagerfeuer, Herdfeuer, Freudenfeuer, Fackeln, Brennöfen, Kerzen und gelegentlich Feldbrände – all das war untrennbar mit dem täglichen Leben verbunden und taucht daher in naiven Darstellungen dieser Welt auf.

Im Buch «Feuer» erfahren Sie weitere spannende Details und Fakten über das Wesen dieses Naturpfänomens und seine Kulturgeschichte.
Stephen J. Pyne ist Professor für Umweltgeschichte an der School of Life Sciences der Arizona State University.