Natürlich gefärbt: 50 Shades of Rosa und Rot
Das ganze Spektrum der Pflanzenfarben
An Farben gibt die Natur weit mehr her als Gelb und Grün. Das weiss Textilkünstlerin Heidi Iverson. In «Das Handbuch der Pflanzenfarben» stellt sie mehr als 60 Pflanzen vor, deren Blüten, Blätter, Rinden, Wurzeln oder Früchte eine Fülle von Farben liefern und die sich zum natürlichen Färben von Stoffen eignen.
Schritt für Schritt führt die Autorin im ersten Kapitel in die Grundlagen des Färbens mit Naturfarben ein: vom Sammeln und schonenden Verarbeiten der Pflanzen über die Auswahl und Vorbereitung geeigneter Fasern bis hin zum sicheren Umgang mit Beizmitteln, Gerbstoffen, Nuancierungstechniken und Farbveränderungen. Doch Iverson geht über die reine Technik hinaus. Im zweiten Kapitel lädt sie dazu ein, Farbe als Ausdrucksmittel zu verstehen – als eigene Sprache mit feinen Abstufungen und überraschenden Dialogen zwischen den Tönen. Mit einfachen Mitteln wie Backpulver oder Zitronensaft lässt sich das natürliche Spektrum erweitern und variieren. Ein Färbelogbuch hilft dabei, Experimente festzuhalten und individuelle Farbwelten systematisch weiterzuentwickeln. Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf umweltschonende Methoden, sei es beim Sammeln der Pflanzen, beim Färben oder beim Entsorgen. Denn Pflanzenfarben stehen nicht nur für ästhetische Vielfalt, sondern auch für eine kreative Praxis im Einklang mit der Natur.
Eine Auswahl aus der riesigen Farbbibliothek, die Sie im Buch erwartet, haben wir hier versammelt. Viel Freude beim Eintauchen:
Die Farbbibliothek - Kompendium der Naturfarbstoffe
Dieses Kompendium umfasst kommerziell hergestellte Pigmente ebenso wie Blüten, Blätter, Samen, Nüsse und Pilze, die Sie in freier Natur sammeln können, und Gewächse, die in Ihrem Hausgarten gedeihen. Um die Farbpalette zu erweitern, können Sie die Stoffarten variieren, denn Leinen, Wolle, Baumwolle und Seide nehmen Pigmente unterschiedlich an. Direktfarbstoffe (mit „D“ gekennzeichnet) verbinden sich ohne Beize mit dem Stoff, Beizenfarbstoffe („B“) erfordern Beize. Beizmittel, falls verwendet, sind neben dem Material des abgebildeten Stoffmusters in Klammern aufgeführt: GT steht für Gallotannin, AA für Aluminiumacetat und AT für Aluminiumtriformiat. Die für die Färbebäder benötigten Pigmentmengen in Prozent des Fasergewichts (WOF) sind ebenfalls aufgeführt.
Aber vor allem gilt: Bei der Färberei geht es nicht um Perfektion, sondern um Freude an dem, was sich daraus entwickelt. Wir hoffen, dass wir mit diesem Beitrag auch Ihre Neugier und Lust auf die Natur und die Vegetation in Ihrer eigenen Umgebung und alle Nuancen von Rot, die sie uns schenken, wecken können.
Rosa, Rot und Violett
COCHENILLE-SCHILDLAUS (DACTYLOPIUS COCCUS)
Die Cochenille-Schildlaus stammt aus dem subtropischen Südamerika und dem Südwesten der USA. Sie ernährt sich von Kaktusfeigen (Opuntien) und wird zusammen mit den Wirtspflanzen gezüchtet. Die fortpflanzungsfähigen Weibchen sammelt man nach ca. 90 Tagen von Hand ab. Nicht zuletzt aufgrund dieser arbeitsintensiven Abläufe ist der daraus gewonnene rote Farbstoff Cochenille (Karmin) so teuer. Dafür liefert er schon in winzigen Mengen ein leuchtendes Spektrum von Fuchsia-, Rot- und Violetttönen.
Von links nach rechts: Leinenmischgewebe (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Baumwolle (GT & AA), Leinengaze (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Seide (AT), weißes Leinen (GT & AA)
Gemahlene Schildläuse: mittel 3–8 %, dunkel 10 % WOF. Extrakt: hell 0,25–0,5 %, mittel 1–2 %, dunkel 3–4 % WOF
KÜSTENMAMMUTBAUM (SEQUOIA SEMPERVIRENS)
Die Zapfen des Mammutbaums sehen aus wie winzige grüne Edelsteine. Man sammelt sie ab Ende Juli und im Herbst. Frische oder nur angetrocknete Zapfen ergeben sattes Pflaumenblau, Mauve und zartes Rosa. Ältere, trockene Zapfen liefern eher erdige Farbtöne. Sammeln Sie die Zapfen unbedingt, bevor die Pigmente im Winter vom Regen ausgewaschen werden. Mit Aluminiumsalzen gebeizt tendiert die Farbe zu mattem, erdig-grauem Violett.
LACKSCHILDLAUS (KERRIA LACCA)
Die Weibchen der in Indien, Südostasien, Nepal und China heimischen Lackschildlaus sondern ein Sekret ab, das zur Herstellung von Shellack dient. Seit Jahr-hunderten gewinnt man aus diesem Harz zudem einen Naturfarbstoff. Dieser Färberlack wird als preiswerte Alternative zu echter Cochenille (siehe oben) eingesetzt, liefert aber zartere, wärmere Farbtöne. Hochwertiger Färberlack ergibt leuchtendes Himbeerrot und Fuchsia.
Von links nach rechts: Leinengaze (GT & AA), Seide (AT), weißes Leinen (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Leinenmischgewebe (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Baumwolle (GT & AA)
Färberlack: hell 1–3 %, mittel 4–6 %, dunkel 7–12 % WOF
FRISCHGRÜNES ZYPERGRAS (CYPERUS ERAGROSTIS)
Dieses Zypergras gehört zu den Pflanzen, die mich sehr überraschten. Ähnlich wie der Acker-Schachtelhalm liefert es zartes Rosé in bildschönen Nuancen. Diese Art stammt ursprünglich aus dem Westen der USA, hat sich jedoch in Feuchtgebieten in ganz Nordamerika, Europa und Teilen Südamerikas und sogar Australiens verbreitet, wo man sie als invasive Art bekämpft.
Von links nach rechts: Seide (AT), weißes Leinen (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Leinengaze (GT & AA), Wolle (AT) Blütenstände: 100 % WOF
ECHTE FÄRBERRÖTE (RUBIA TINCTORUM)
Auch Färber-Krapp genannt. Der seit Jahrhunderten aus der Wurzel gewonnene Farbstoff ist einer der ältesten bekannten Naturfarbstoffe. Man kann die Pflanze im Garten ziehen, doch dauert es drei oder vier Jahre, bis sich die Wurzeln zum Färben eignen. Die Wurzeln sind im Handel als Extrakt, als Pulver oder im Ganzen erhältlich.
Von links nach rechts: weißes Leinen (GT & AA), Seide (AT), weißes Leinen (GT & AA), Baumwolle (GT & AA), Leinengaze (GT & AA), weißes Leinen (GT & AA), Leinenmischgewebe (GT & AA) Gemahlene Wurzel: mittel 20–30 %, dunkel 100 % WOF
Extrakt: hell 1–2 %, mittel 3 %, dunkel 4–10 % WOF
GERBER-AKAZIE (ACACIA MEARNSII)
Aus dem Holz dieser Akazienart extrahiert man einen starken Gerbstoff, der zum Färben, aber auch zum Ledergerben dient. Ebenso wie der Extrakt aus Quebrachoholz und Katechu gehört dieser rotbraune Gerbstoff zu den Catechinen. Er färbt Hellbeige bis Rosa und verströmt einen würzigen Holzgeruch. Zum Färben verwendet man den Holzextrakt für Zartrosa bis Apricot und mit Eisenbeize für Grau und Schwarz.
Für die genaue Vorgehensweise und alle wichtigen Infos zum Färbeprozess empfehlen wir die Lektüre des Buchs.
Alle Fotos: Dave Burton und Jess Esposito
Heidi Iverson ist Textilkünstlerin und Lehrerin. Sie leitet Reparatur- und Färbe-Workshops und lebt in Sonoma County, Kalifornien.
Foto: Whitni Rader