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Spalierobst: Das formlose Johannisbeerenspalier

Spaliere lassen sich aus vielen Obstbäumen ziehen.

Sie dienen als ästhetisches Element, der Strukturierung von Gärten und zur Begrünung von Fassaden, fördern die Biodiversität und begünstigen eine reiche Ernte.

Der Ratgeber «Spalierobst» von Reiner Wahl erläutert Schritt für Schritt, wie Spalierobst erzogen und gepflegt wird, wie man Spalierbäume fachgerecht schneidet und welche ästhetischen Regeln man dabei beachten sollte.

Im folgenden Beitrag möchten wir uns dem Johannisbeerenspalier widmen. Bei den Beeren scheiden sich die Geister, das wissen wir. Für Fiona aus dem Marketing sind sie jedoch Erinnerungen an ihre Grossmutter und stundenlange Ablesaktionen im Garten. Und last but not least: Kein Früchtekuchen schmeckt so lecker, wie der Johannisbeerkuchen! Von daher: lesen Sie sich gerne ein und gestalten Sie bald schon ihren ganz persönlichen Lieblingsobstspalier.

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Johannisbeerfächer in der Erziehung (hier Schwarze Johannisbeere).

Die Fotos in diesem Beitrag stammen, falls nicht anders angegeben, von © Reiner Wahl.


Wahl, Reiner
Spalierobst Book

CHF 34.00 CHF 28.90*

Spalierobst-Tradition

Wer sich auf Formobst «einlässt», kommt unweigerlich mit einer sehr alten Art der Obstkultur in Berührung. Die meisten Spalierbaumformen, wie wir sie heute kennen und pflegen, haben ihren Ursprung im frühen 19. Jahrhundert und sind das Ergebnis einer sehr langen obstbaulichen Entwicklung. Die Beschäftigung mit Form- bzw. Spalierobst, einhergehend mit all den «gärtnerischen Kniffen», Beobachtungen und Eingriffen, hat jedoch bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Zierde und Nutzen lassen sich beim Formobst auf engstem Raum vereinen. Freistehende Spaliere können zur Grundstücksbegrenzung ebenso eingesetzt werden wie zur Gliederung und Strukturierung im Garten. Spaliergerüste übernehmen dabei nicht nur eine funktionale Aufgabe, sondern wirken zugleich als gestalterische Elemente, insbesondere an Fassaden. Ob an historischen Bauwerken oder im Kontext moderner Architektur – Formobst eröffnet vielfältige Möglichkeiten der Verbindung von Gestaltung und Nutzung. Unbestritten steht dem erhöhten Arbeitsaufwand ein reicher Ertrag an aromatischem, intensiv gefärbtem Obst gegenüber. Als prägnanter Bestandteil klösterlicher und vor allem der höfischen Nutzgartenkultur erlebt das Formobst heute in verschiedenen Bereichen eine Renaissance. Zur Bewahrung dieser besonderen Obstgartenkultur gibt es derzeit Bestrebungen, das Wissen um die Kunst und Erziehung von Formobstgehölzen als immaterielles UNESCO-Kulturgut anerkennen zu lassen.


Grundlagen des Schnitts

Die Erziehung und der Schnitt von Formobst erfordern ein gutes Maß an Fachkenntnis, aber auch Einfühlungsvermögen. Voraussetzung für einen sachgerechten Schnitt ist ein solides Verständnis der unterschiedlichen Knospen- und Triebarten sowie ihrer jeweiligen Funktionen. Ebenso wesentlich ist das Wissen über die Wuchseigenschaften der unterschiedlichen Obstarten und deren Unterlagen.

Jeder Schnitt stellt einen Eingriff in die Physiologie des Baumes dar – er reagiert darauf mit spezifischen Wachstums- und Entwicklungsprozessen. Die gängigen Schnittarten wie Erziehungs-, Erhaltungs- und Verjüngungsschnitt orientieren sich an den verschiedenen Entwicklungsphasen des Baumes. Damit befindet sich der Baum gewissermaßen «in Kultur», also in einer gelenkten Form des Wachstums. Für die Praxis ist es entscheidend, die biologischen Gesetzmäßigkeiten der Schnittwirkung zu verstehen. Ein Schnitt ist nur dann physiologisch sinnvoll, wenn er den natürlichen Entwicklungsabläufen des Baumes nicht entgegenwirkt. Daher sollte jede Maßnahme im Vorfeld gut überlegt sein. Gerade beim Spalierobstbau gehören neben dem Schnitt auch das Binden und Formieren zu den wichtigsten Tätigkeiten.

Die Schnittwirkungen – Reaktionen der Bäume auf den Schnitt

Der Rückschnitt verfolgt das Ziel, den Baum zu einem erneuten Austrieb anzuregen. Durch das Entfernen von überzähligen oder ungünstig stehenden Trieben wird die Baumkrone ausgelichtet und die gewünschte Form erhalten. Der Rückschnitt erfolgt vor allem am einjährigen Trieb, Eingriffe in älteres Holz dienen der Verjüngung, um die Bildung neuer, vitaler Triebe zu fördern.

Gesetze der Schnittwirkung

Die Reaktionen eines Baumes auf den Schnitt folgen bestimmten physiologischen Gesetzmäßigkeiten:

• Starker Rückschnitt: starke Triebneubildung. Wird kräftig zurückgenommen, verbleibt nur eine geringe Anzahl an Knospen, was zu einem kräftigen Austrieb und zur Bildung langer, einjähriger Triebe führt.

• Schwacher Rückschnitt: schwacher Austrieb. Bleiben viele Knospen erhalten, verteilt sich die Wachstumskraft auf die zahlreichen Knospen. Das Ergebnis ist ein insgesamt schwächerer Neuaustrieb, die Entstehung von Fruchtholz wird dagegen gefördert.


Das formlose Johannisbeerenspalier

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Die einen lieben, die anderen hassen sie: die rote Johannisbeere! © Fiona Hofer

 

Standort, Boden und Unterlage

Neben den klassischen Erziehungsformen als Strauch oder Stämmchen lassen sich Johannisbeeren auch mit weniger Raumbedarf in verschiedenen Spalierformen kultivieren. Die Obstart zeichnet sich durch eine gute Blühwilligkeit, reiches Fruchten und eine hervorragende Schnittverträglichkeit aus. Eine sorgfältige Kronenerziehung sichert dabei hohe und qualitativ gute Fruchterträge und beugt Erschöpfungserscheinungen vor. Johannisbeeren sind hinsichtlich des Standortes sehr anpassungsfähig. Als Flachwurzler vertragen sie jedoch keine tiefgründige Bodenbearbeitung. Eine organische Mulchschicht (zum Beispiel aus getrocknetem Rasenschnitt) wirkt sehr förderlich, bewahrt vor Austrocknung und reichert den Boden auf Dauer mit Nährstoffen an. Das formlose Fächerspalier eignet sich ideal zur Bekleidung niederer Mauern und Zäune. Dauerhaft heiße Südwände sollten jedoch vermieden werden. Ein freistehendes Spalier kann im Garten zudem der Abgrenzung und Raumaufteilung dienen. Ideal ist eine Nord-Süd-Ausrichtung, da so eine beidseitige Belichtung und Ernte möglich ist. Als Pflanzmaterial empfiehlt sich bei allen Johannisbeerarten eine Qualität von 5–7 Trieben, da sich damit ein zügiges Fächergerüst aufbauen lässt. Bei Schwarzen Johannisbeeren können 1–2 Triebe mehr belassen werden als bei roten Sorten. Ein etwas tieferes Pflanzen (5–10 cm tiefer als im Topf oder bisher im Boden) schützt die Flachwurzler und regt nebenbei die Neutriebbildung an. Wenn möglich, wird bereits bei der Pflanzung darauf geachtet, den Strauch bzw. die zukünftigen Gerüstäste parallel zur Wand, zum Zaun oder zum Drahtrahmen auszurichten.

Ob am Mauerwerk oder freistehend: Die Drahtbespannung bzw. der Drahtrahmen sollte vor der Pflanzung fertiggestellt sein. Bewährt hat sich verzinkter Spanndraht mit einer Stärke von 2,0 bis 2,2 mm. Die oberste Drahtreihe sollte nicht höher als 1,8 m liegen, der Abstand zwischen den einzelnen Drähten beträgt 30–50 cm. Der Pflanzabstand, unabhängig davon, ob Rote, Schwarze oder Weiße Johannisbeeren verwendet werden, beträgt 1,2 bis 1,5 m.

Pflanzschnitt

Die Pflanzzeit für Johannisbeeren reicht vom Herbst bis ins zeitige Frühjahr. Pflanz- und Erziehungsschnitt sind bei allen Johannisbeeren gleich. Für den Gerüstaufbau werden 3–5 Triebe ausgewählt, alle übrigen werden bodennah entfernt. Der Pflanzschnitt ist daher ein kräftiger Rückschnitt. Die verbleibenden Leitäste werden beim Pflanzschnitt auf etwa die Hälfte ihrer Länge eingekürzt und in den Folgejahren – bis zur Erreichung der gewünschten Höhe – jährlich um ein Drittel zurückgenommen. Dieser jährliche Rückschnitt kräftigt die Leitäste. Die entstehenden Seitenverzweigungen sollten jedoch nicht zu dicht stehen; überzählige einjährige Triebe werden vollständig entfernt. Beim Rückschnitt ist die Stellung der Augen, auf die angeschnitten wird, hilfreich: Aus ihnen entwickeln sich die neuen Triebe in einer bereits leicht vorformierten Wuchsrichtung. Nach dem Pflanzschnitt werden die zukünftigen Gerüstäste am Spanndraht angeheftet. Der Abstand zwischen den einzelnen Trieben beträgt circa 25 cm. Bei starkwüchsigen Sorten ist Vorsicht geboten: Ein zu kräftiger Rückschnitt kann eine übermäßige Holztriebbildung auslösen. Einige Sorten hingegen neigen zu einer schwachen Triebbildung, der jedoch durch regelmäßigen Schnitt gut entgegengewirkt werden kann. Die Höhenbegrenzung der Gerüstäste im Bereich des obersten Spanndrahtes erfolgt durch wiederholtes Absetzen auf tiefer stehende Verzweigungen.

Fruchtholzschnitt

Rote und Weiße Johannisbeeren blühen und fruchten überwiegend an den einjährigen Seitentrieben, die an den zwei- bis dreijährigen Leittrieben entstehen. Um die Fruchtqualität zu verbessern und die Bildung von jungem Fruchtholz zu fördern, werden diese einjährigen Seitentriebe auf 3 bis 5 Knospen eingekürzt, die daraus entstehenden Seitenachsen werden wiederum auf 2 bis 3 Knospen zurückgeschnitten. Schwarze Johannisbeeren fruchten überwiegend an den vorjährigen, langen Haupt- und Seitentrieben und den kurzen Seitentrieben, die am zwei- bis dreijährigen Holz wachsen. Zur Bildung neuen Fruchtholzes können bei allen Johannisbeeren die Seitentriebe im Winterschnitt auf zwei Knospen eingekürzt werden. Ergänzend können während der Vegetationszeit – etwa 10 bis 15 Tage vor der Ernte – die noch jungen grünen Seitentriebe auf 3–4 Blätter entspitzt werden.

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Gerüstast an Schwarzer Johannisbeere, verjüngt durch Rückschnitt bzw. Ableiten auf eine seitliche Verzweigung. Zur Bildung von neuem Fruchtholz wurden hier die tiefer gestellten Verzweigungen auf zwei Augen eingekürzt.

Instandhaltung und Verjüngung

Die Gerüstäste der Johannisbeere können über viele Jahre hinweg fruchtbar bleiben, vorausgesetzt, es erfolgt ein regelmäßiger Schnitt, der die Bildung von jungem Fruchtholz fördert. Sollte dennoch eine Verjüngung notwendig werden, kann dies problemlos durch Ableiten auf tiefer stehende Verzweigungen erfolgen. Ein vollständig neuer Gerüstast lässt sich durch bodennahen Rückschnitt eines alten Triebes heranziehen. Wiederkehrende Triebe aus dem Wurzelstock sollten in der frühen Vegetationsphase nicht abgeschnitten, sondern händisch ausgerissen werden.

Empfehlenswerte Johannisbeer-Sorten

'Weiße Versailler'

  • Alte Sorte aus Frankreich (1883), heute noch recht beliebt.
  • Trägt reichlich und regelmäßig.
  • Ideal für den Frischverzehr.
  • Bei voller Reife hocharomatisch, milde Säure, süß.
  • Triebe sind von Natur aus sehr schön verzweigt.
  • Beste weiße Sorte.

'Roter See' ('Red Lake')

  • Alte amerikanische Sorte (1933).
  • Locker besetzte Trauben.
  • Mild säuerlich.
  • Sehr aromatisch.

'Jonkheer van Tets'

  • Niederländische Sorte (1941).
  • Eine der frühesten Sorten mit guter Beerntbarkeit.
  • Große, saftreiche Frucht mit vorherrschender Säure.

'Heinemanns Rote Spätlese'

  • Alte deutsche Sorte (1942).
  • Sehr kräftig im Wuchs.
  • Überaus reich tragende, späte Sorte.
  • Sehr blühwillig.

'Titania'

  • Hauptsorte im Anbau von Schwarzen Johannisbeeren.
  • Mittelfrüh und sehr ertragreich.
  • Sehr gesund.
  • Selbstfruchtbar.

'Ometa'

  • Kräftig im Wuchs.
  • Reich tragende, süßaromatische Schwarze Johannisbeere.

'Noir de Bourgogne'

  • Sehr alte französische Sorte (1750).
  • Im Aroma eine der intensivsten Sorten, aus der in Frankreich Crème de Cassis hergestellt wird.
  • Die festen Früchte reifen schön gleichmäßig aus.
  • Wächst kräftig aufrecht bei guter Verzweigung.
  • Liebhabersorte!

Reiner Wahl ist selbständiger Landschaftsgärtnermeister und lebt im Biosphärengebiet Schwäbische Alb (Süddeutschland). Er vertiefte sein Wissen zu Spalier- und Formobst bei Aufenthalten im Potager du Roi in Versailles sowie im Jardin de Luxembourg in Paris. Er berät Planungsbüros in der Gartendenkmalpflege, gibt Seminare und Fachvorträge im In- und Ausland und ist aktiv im Netzwerk Küchengarten.

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