Naturnah imkern mit Warré-Beuten: Kriterien, Vor- und Nachteile
Ins behandlungsfreie Imkern eintauchen
Die Volksbeute von Abbé Émile Warré (1867–1951) ist eine der älteren Konstruktionen, welche die Imkereigeschichte aufweist. Warrés Einheitszarge mit Oberträgern, Naturwaben und Isolierzarge (Kissen) schafft ideale Bedingungen für die Vitalität und das Überleben des Bienenvolkes und reduziert gleichzeitig den Verbrauch der Honigvorräte im Winter.
David Heaf zeigt in seinem Buch «Naturnah imkern mit Warré-Beuten», was Sie zum Bau und Betrieb eines Warré-Bienenstocks wissen müssen. In diesem Beitrag steigen wir ins Buch ein und lassen David Heaf selber erzählen, was ihn an dieser Imker:innen-Methode so fasziniert, welche Vor- und Nachteile die Beute mit sich zieht und wie man sich mit Fachpersonen und anderen Imker:innen vernetzt.
Vorab ein paar Erklärungen von möglichen Fachbegriffe, die weiter unten im Text wieder vorkommen.
Fachbegriffe
- Beute: künstliche Behausung für ein Bienenvolk
- Bienenstand: der feste Standort oder Aufstellungsort, an dem ein oder mehrere Beuten platziert werden
- Mittelwände: Platte aus Bienenwachs für Bienenzucht
- Langstroth: Lorenzo Langstroth hat die Langstroth-Beute 1852 patentieren lassen, sie gilt als weltweit verbreitet.
- Verhonigung: Honig im Brutnest durch zu wenig Raum, dadurch fehlt der Königin der Platz zur Eiablage
- Keulen/Keulung: das natürliche, gewaltsame Hinauswerfen oder Töten der männlichen Honigbienen (Drohnen) durch die Arbeiterinnen am Ende der Paarungssaison
- Zargen: viereckiger, oben und unten offener Rahmen aus Holz oder Kunststoff, der als stapelbares Kastenmodul funktioniert
- Apizentrierung: Bienen stehen im Zentrum
- Oberträger: waagrechte Holzleite für den Wabenbau
- Stockwärme und -geruch: die Temperatur in einer Beute liegt zwischen 32 - 36°C, der Geruch von jedem Bienenvolk ist einzigartig und dient dem Zusammenhalt und der Wiedererkennung
- Propolis: von Bienen hergestelltes, harziges Naturprodukt, das als natürliches Antibiotikum von ihnen genutzt wird, aber auch für uns Menschen entzündungshemmend wirkt
- Absperrgitter: ein Gitter, das Brut- und Honigraum voneinander trennt und nicht für alle Bienen durchlässig ist
Fotos in diesem Beitrag: © David Heaf
Naturnah imkern
In der folgenden kurzen Auflistung möglicher Kriterien für naturnahes Imkern dürften manche Kriterien zumindest vorerst als unerreichbar gelten.
Beute und Standort
- Holz und/oder Naturfaser ohne Metall oder Plastik
- Form, die der Gestalt eines Schwarmes oder einer Schwarmtraube entspricht
- Umfang für vertikales oder horizontales Koloniewachstum
- Volumen und Höhe über dem Boden, so wie es vorgefunden wird, wenn Bienen die eigene Wahl hätten
- Fluglochgröße, Ausrichtung und Lage, so wie es vorgefunden wird, wenn Bienen die eigene Wahl hätten
- Wandstärke wie in hohlen Bäumen
- Ununterbrochenes Brutnest
- Königin ist prinzipiell frei, überall herumzuwandern; kein Ausschluss
- Abgeschattet von der prallen Sonne, so wie in einem Baumstamm
- Nicht in einem nassen dunklen Hohlraum
- Zugängliches und ausreichendes Futter für die gewünschte Koloniestärke, inklusive Überwinterung
- Keine Schutzmittel auf der Beute oder dem Bienenstand; nur unschädliche natürliche Farben
Betriebsweise
- Bienenzentriert statt Produktionssteigerung von Bienenstockprodukten für den Profit
- Naturwabenbau; keine Mittelwände
- An Decke und Wänden der Bienenstockhöhle befestigte Waben; keine Bienenabstände wie bei Langstroth
- Absolut minimaler Eingriff in den Bienenstock
- Sehr seltenes Öffnen der oberen Abdeckung, die die Wärme nach außen lässt
- Zusätzlicher Honigaufsatz nur bei Risiko der Verhonigung, die die Überwinterung gefährdet
- Kein oder minimaler Einsatz von Rauch
- Kolonievermehrung durch natürliches Schwärmen
- Keine Verstümmelung der Königin (kennzeichnen, Flügel beschneiden)
- Keine künstliche Königinzucht, Umlarven, Besamung
- Lokal angepasste Bienen, wenn erhältlich
- Keine Chemikalien im Stock, die die Bienen nicht selbst dort einbringen, z. B. keine Varroa-Behandlungen
- Kein Keulen der Drohnen
- Beutenstandort frei von Pestizideinsatz
- Fütterung nur, wo notwendig, und dann nur Honig und/oder echten Pollen
- Auswirkungen auf andere Bestäuber berücksichtigen
Welch hohe Erwartungen hier aufgestellt werden! Sicherlich müssen am Anfang einige Kompromisse gemacht werden, um Bienen halten zu können. Dicke Beutenwände etwa oder das Anbringen des Bienenstocks über dem Boden in 5 m Höhe, was von Bienen häufiger ausgewählt wird, würde das Hantieren mit den Zargen schwierig und unsicher machen. Und in ihrem ersten Jahr haben Imker:innen möglicherweise keinen eigenen Honig, um im Notfall zu füttern, oder besitzen nur einen Bienenstock und möchten ihre Bienen nicht völlig der Zerstörung durch Varroa und die von ihr übertragenen Viren überlassen. Daher sind die oben genannten Aufzählungen nicht als absolutes Dogma zu verstehen, eher als Anregungen. Naturnahe Imkerinnen und Imker vertreten verschiedene Sichtweisen von Ökozentrierung bis Apizentrierung.
Ich schlage vor, dass wir Bienen in einem Bienenstock halten, der zu uns passt, und in der Art und Weise, die uns erfüllt. Von daher, fühlen Sie sich frei, es anzugehen, und wählen Sie aus!
Warum Warré?
Nach vierjähriger Nutzung eines Langstroth-Beutetyps, der «National» oder «British Standard» genannt wird, von denen ich einige noch verwende, stieß ich auf Johann Thürs Buch, in welchem ein Bienenstock von Johann Ludwig Christ aus dem 18. Jahrhundert hervorgehoben wird, der aus gestapelten Kästen mit Oberträgern in jedem Kasten besteht.
Ein reizvolles Merkmal für mich war, dass die Waben an den Wänden und der Decke des Bienenstocks befestigt sind und somit Sackgassen geschaffen wurden, die den eigenen Stockgeruch und die Stockwärme zurückhalten (Nestduftwärmebindung). Weiterhin wurde der Stock bei Koloniewachstum nach unten erweitert und der mit Honig gefüllte Wabenkasten von oben geerntet. Die Waben wurden nicht wiederverwendet. Dann stieß ich auf die gleichen Prinzipien bei der «Volksbeute», einem französischen Buch von Abbé Emile Warré, der hierin ausführlich ihre Bau- und Betriebsweise darstellt. Seitdem habe ich mir 16 dieser Bienenbeuten zugelegt und bevölkert, während ich meine «Nationals» auf weniger als eine Handvoll reduziert habe.
Was mir an der Warré-Beute gefällt, ist Folgendes:
- Zurückhalten von Stockwärme und -geruch; bessere Kontrolle von Temperatur und Feuchtigkeit
- Dickes, dampfdurchlässiges Kissen, bietet beste Isolation und puffert gegebenenfalls Feuchtigkeit
- Oberträgertuch ersetzt das innere Abdeckbrett; kein Brechen von Propolis (bei der Gewinnung); schonender Eingang
- Kleine, handlichere und einfacher zu bauende Zargen
- Alle Zargen in gleicher Größe
- Freier Wabenbau hinsichtlich Zellengröße und Verhältnis von Arbeiter- und Drohnenzellen
- Beständig nach unten wachsendes Brutnest auf frischen Waben, Zargen mit alten und honiggefüllten Waben werden vollständig von oben entfernt
- Wabenerneuerung durch die Bienen und damit Krankheitsminimierung ist automatisch ein innerer Bestandteil des Jahreszyklus
- Keine Kosten für Rähmchen bzw. Mittelwände oder für die damit verbundene Arbeit der Vorbereitung
- Keine Mittelwände bedeutet, kein verunreinigtes Wachs wird eingebracht
- Kein Absperrgitter
- Keine gerahmten Waben sind zu schleudern, nur schneiden und auslaufen lassen, daher kein teures Schleudergerät notwendig, nur Küchenutensilien
- Normalerweise braucht der Bienenstock im strengen Sinne nur einmal im Jahr zur Honigernte geöffnet zu werden; bei der Frühjahrskontrolle werden die Zargen unterhalb hinzugefügt, ohne die Wärme herauszulassen oder die Bienen zu stören
- Stabile hervorstehende Griffe an den Zargen eignen sich für die Verwendung eines Selbstbau-Bienenstockhebers
Aber lassen Sie uns alle Karten auf den Tisch legen und schauen wir uns einige der möglichen oder vermeintlichen Nachteile an:
- Kein rundförmiger Hohlraum wie bei einem hohlen Baum oder einem Bienenkorb; Warré erkannte eine zylindrische Form als wünschenswert, aber nicht leicht anwendbar an
- Durch Oberträger unterbrochenes Brutnest
- Vorsichtigeres Hantieren bei der Wabendurchsicht notwendig im Vergleich zu Langstroth-Beutetypen
- Geernteter Honig von Brutwaben; höherer Gehalt von Brutwabenbestandteilen inklusive Pollen
- Durch wenig oder keine Wiederverwendung von Waben wird mehr Nektar benötigt, um die geernteten Waben zu ersetzen, deshalb geringerer Honigertrag
- Ableger, falls vorhanden, sind ohne Rähmchen schwieriger zu handhaben
- Größeres Risiko von Honigverunreinigung durch Varroa-Behandlungen, wenn sie eingesetzt werden
- Persönliche Patenschaft für den Anfänger/ die Anfängerin ist in der unmittelbaren Umgebung schwieriger zu bekommen
- Schwierigeres Bewerten des Koloniezustandes durch Beobachtung von außen
Nun, wir können nicht alles haben! Einige der möglichen Nachteile werden im Verlauf des Buches weiter diskutieren.
Persönliche Patenschaft und andere Formen von praktischer Beratung
In den letzten Jahren wurden Kurse in naturnaher Bienenhaltung und der Warré-Beute in den USA, Großbritannien und Australien abgehalten. Da die naturnahe Bienenhaltung derzeit noch Zulauf erhält, sollte es möglich sein, diese Kurse über Publikationen zur Imkerei und Foren ausfindig zu machen. Der Natural Beekeeping Trust (Großbritannien) widmet sich allgemein der naturnahen Imkerei und führt Kurse durch.
Einen im näheren Umfeld praktizierenden Mentor oder Mentorin für die Warré-Beute zu finden, dürfte sich als schwieriger erweisen. In jedem Fall ist es ratsam, sich einem örtlichen Imkerverein anzuschließen. Die Treffen, besonders solche an den Bienenständen im Frühjahr und Sommer, sind hoch informativ, selbst wenn Sie nicht immer die angewendeten Methoden befürworten. Persönliche Betreuung durch eine erfahrene Imkerin oder einen erfahrenen Imker, die/der sich für Langstroth-Bienenstöcke engagiert und trotzdem offen ist, kann eine angenehme Erfahrung sein. Das Verständnis und die Sensibilität für Bienen, welche durch jahrelange Arbeit mit Waben in Rähmchen erworben wurden, kann weitgehend auf das Hantieren mit den Bienen in Warré-Beuten übertragen werden.
In seltenen Fällen könnten Sie in Ihrem örtlichen Verein auf ein gewisses Maß an Abneigung stoßen, wenn Ihre Absichten und Überzeugungen offenbar werden. In solchen Fällen ist es besser, nur zu beobachten, zuzuhören und zu lernen. Viele Anfänger:innen haben ihre persönliche Begleitung durch gleichgesinnte Imkerinnen bzw. Imker aus beträchtlicher Entfernung erhalten, entweder telefonisch oder über das Internet. Dies passiert oft anhand der vielen Online- Foren, wobei das wichtigste englische, das sich der Warré-Imkerei widmet, die Google e-group «warrebeekeeping» ist, die Anfragen oft innerhalb von Stunden beantwortet. Weblinks oder andere Foren werden Im Buch ebenfalls aufgelistet.
Die National Bee Unit in Großbritannien und verschiedene staatliche Beratungsstellen in den USA beraten Imkerinnen und Imker besonders in Bezug auf die Krankheits- und Schädlingsbekämpfung. Solche Stellen haben oft ein Netzwerk an örtlichen Beamt:innen. Der Wissensreichtum der verschiedenen staatlichen Stellen ist nicht abzulehnen, selbst wenn er manchmal auf einer Weltsicht basiert, in welche die naturnahe Imkerei nicht ohne Weiteres hineinzupassen scheint.
Im Gegensatz dazu hat mein örtlicher Bienensachverständiger selbst hergestellte Bienenkörbe betrieben. Hoffentlich werden Sie hinsichtlich der offiziellen Informationen schrittweise anfangen zu erkennen, was Sie annehmen und was Sie lassen sollten. Da die Bienensachverständigen ihre Pflichten auf unterschiedliche Weise auslegen, sollten Sie sich im Voraus mit Ihren eigenen Rechten und den Ausführungsvorschriften oder Richtlinien vertraut machen, die von den Beamt:innen umgesetzt werden sollen, die ihre Bienenstöcke kontrollieren. In Großbritannien sind solche Vorschriften/Richtlinien ausführlich auf der Webseite der National Bee Unit beschrieben. In einem weiteren Kapitel im Buch schlage ich einen Weg der Zusammenarbeit mit Ihrer Sachverständigen oder ihrem Sachverständigen vor, der/dem gegenüber Sie sich öffnen könnten.
David Heaf promovierte 1976 in Biochemie. Nach einer Forschungslaufbahn in der Biochemie ließ er sich in NW-Wales nieder, wo er heute als Übersetzer arbeitet und mit seiner Frau Pat einen großen Gemüsegarten pflegt. Er begann 2003 mit der Imkerei. Nachdem er zuerst mit sogenannten «National»-Beuten arbeitete, wechselte er später auf Warré-Magazine. Aktuell überwintert er etwa zehn Völker. 2010 erschien sein Buch «The Bee-friendly Beekeeper» und 2013 «Natural Beekeeping with the Warré Hive», eine Anleitung zur naturgemäßen Bienenhaltung mit Warrés.