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Sonnenblume, Tulpe und Co.: Die Geschichte der Botanik in 300 Büchern

Lassen Sie sich bezaubern von der Magie der Botanik im Laufe der Jahrhunderte!
«Die Geschichte der Botanik in 300 Büchern» nimmt uns mit zu den Anfängen der Pflanzenkunde und offenbart ihre historisch bedeutendsten Bücher und Manuskripte seit der Antike. Die Autorinnen Carolyn Fry und Emma Wayland umfassen darin einen wichtigen Teil unserer Kulturgeschichte, klären den Einfluss der Botanik auf Gesellschaft und Wissenschaft und geben zudem Einblick in die wunderschönen Illustrationen der heimischen und exotischen Flora im Laufe der Zeit.

Nachfolgend haben wir Ihnen drei kleine Ausschnitte aus dem Buch rausgepickt, damit Sie sich einen entsprechenden Eindruck verschaffen können. Viel Vergnügen beim Eintauchen!

2-Fry-Wayland_Geschichte der Botanik_(c)Fiona Hofer
Gibt es etwas Fröhlicheres als eine Sonnenblume? (2025, Bern)

 

Fry, Carolyn; Wayland, Emma
Die Geschichte der Botanik in 300 Büchern Buch

CHF 38.00 CHF 32.30*

STREBEN NACH ERKENNTNIS – BOTANIKER ENTDECKEN UND KLASSIFIZIEREN IMMER NEUE PFLANZEN (1600–1750)

Wo die Schönheit zählt – Pflanzen zur Verschönerung von Gärten

Charles de l’Écluse (1526–1609), latinisiert Carolus Clusius, war einer der ersten Gelehrten im nördlichen Europa, der nicht nur den Nutzen, sondern auch die Schönheit einer Pflanze zu würdigen wusste. Er hatte in den kaiserlichen Gärten in Wien gearbeitet und später an der Universität Leiden einen botanischen Garten eingerichtet. Im Rahmen dieser Tätigkeiten reiste er auf der Suche nach neuen Pflanzen quer durch Europa, pflegte aber auch vielfältige Kontakte, die ihm besondere Exemplare zukommen ließen. Ogier Ghiselin de Busbecq schickte Hyazinthen, Anemonen, Kaiserkronen und Tulpen, während Philippe de Sivry, ein hoher königlicher Beamter der Stadt Mons (im heutigen Belgien) eine Kartoffel beisteuerte – eine Pflanze, die die Spanier erst kürzlich aus Südamerika mitgebracht hatten.

In seinem Werk Rariorum plantarum historia («Naturgeschichte der seltenen Pflanzen») von 1601 beschreibt Clusius Pflanzen, die er auf seinen Reisen durch Spanien, Österreich und Ungarn kennengelernt hatte, ebenso neues Material, das ihm später begegnet war, und er steuert die erste Abhandlung über Pilze bei. Sein Buch Exoticorum libri decem (etwa «Zehn Bücher über Exotika») von 1605 war Pflanzen und Tieren von außerhalb Europas gewidmet – aus Nord-, Mittel- und Südamerika, Asien und Afrika. Beide Werke waren mit Holzschnitten illustriert, denen botanische Belegexemplare zugrunde lagen. Clusius hatte auch dem Botaniker und Apotheker Basilius Besler (1561–1629) beratend zur Seite gestanden, dessen Prachtwerk Hortus Eystettensis (Der Garten von Eichstätt) 1613 erschien. Besler arbeitete in diesem Garten, der sich auf mehreren Terrassen rund um die Willibaldsburg im bayrischen Eichstätt zog, der Residenz von Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen. Dieser beauftragte Besler, Pflanzen aus ebenjenem Garten zeichnen und zur Veröffentlichung auf Kupfertafeln stechen zu lassen. Besler wollte ein botanisches Florilegium schaffen – eine prachtvolle Sammlung ornamental dargestellter Blumen – mit Illustrationen so naturgetreu wie möglich. Das Werk präsentiert uns auf 367 Tafeln eine stattliche Auswahl an einheimischen und exotischen Pflanzen, jeweils in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und angeordnet nach der Jahreszeit, in der sie blühen. Im Buch wird deutlich: Wer den Eichstätter Garten im Frühling besuchte, hätte sich wohl an blühenden Äpfeln und Kirschen erfreut, an Hyazinthen und Tulpen, wer im Sommer kam, hätte vielleicht zu den ersten Menschen in Europa gehört, die die prächtige Sonnenblume zu Gesicht bekamen – ebenfalls eine Neuheit, die die Spanier im 16. Jahrhundert eingeführt hatten, diesmal aus Nordamerika.

Die hochwertige und kostenintensive Herstellung und das mit 57 cm × 46 cm ausladende Format des Buches spiegelten sich im Preis. Bei einem kolorierten Exemplar entsprach er in etwa dem eines kleinen Hauses in München zu jener Zeit. Doch wie die Pflanzen dargestellt waren – lebensgroß und so detailreich, dass ihre Schönheit ins Auge sprang –, das war besonders. Die Illustrationen waren nämlich Kupferstiche, die den Holzschnitt nun nach und nach verdrängten, weil sie detailreicher waren und auch zartere Pflanzenstrukturen darzustellen vermochten. Diese Verschiebung der bevorzugten grafischen Technik erlaubte immer präzisere, feinere und verästelte botanische Illustrationen. Bereits seit den 1580er-Jahren hatte man die Technik gern für Fachbücher genutzt, doch nun setzte sie sich auch ganz allgemein durch. Die Kupferplatten verschlissen jedoch schnell, was die Zahl der Druckdurchläufe begrenzte und die Kosten in die Höhe trieb.

Als der englische Gärtner und Apotheker John Parkinson (1567–1650) im Jahr 1629 sein Werk Paradisi in Sole Paradisus Terrestris (etwa «Paradiese in der Sonne, Paradies auf Erden» oder auch «Das irdische Paradies in der Sonne des Paradieses») herausbrachte, war er einer der Letzten, die Holzschnitte einsetzten. Im Buch geht es zwar auch um Heilpflanzen, aber es war das erste englische Buch über Pflanzen, das sich ausdrücklich deren Schönheit verschrieb. Damit war es, ähnlich wie Beslers Hortus Eystettensis, mehr ein Florilegium als ein bloßes Kräuterbuch. Es enthielt Illustrationen von nahezu 1000 Pflanzen, die in Parkinsons Garten am Londoner Stadtrand wuchsen und die er ausgewählt hatte, weil sie «von all den vielen verschiedenen Stämmen und Gattungen in der Natur mit all ihrer Schönheit die Auserlesensten und dem Auge am gefälligsten» seien. In seinem Werk kombiniert Parkinson sein Wissen als Gärtner und als Apotheker, beschreibt jede Pflanze detailliert, macht Angaben zu ihrer Herkunft, dazu, wie man sie am besten kultiviert, und umreißt kurz ihre medizinische Verwendung. Blumen sind natürlich enthalten, aber auch Kräuter und Wurzeln, Gemüse aus dem Küchengarten sowie Obst. Das Titelblatt wartet mit einer Vision vom Garten als Paradies auf.

Ein weiteres bedeutendes englisches Florilegium war das Werk des Künstlers und Entomologen Alexander Marshal (1620–1682). Um 1641, als Marshal beim Gärtner John Tradescant dem Jüngeren (1608–1662) in London wohnte, fanden Pflanzen aus allen Teilen der Welt den Weg nach Europa, so auch aus den französischen und britischen Neugründungen in Kanada bzw. Virginia in Nordamerika. Von seinem Vater John Tradescant dem Älteren (1570–1638) hatte der jüngere Tradescant einen Garten geerbt und war ihm im königlichen Amt als Keeper of the Gardens, Vines and Silkworms (etwa «Bewahrer der Gärten, Reben und Seidenraupen») von Oatlands Palace in Surrey gefolgt. Der Sohn hatte Virginia auf der Suche nach interessanten Pflanzen selbst bereist. Und so fanden sich in Mr Marshal’s Flower Book (etwa «Herrn Marshals Blumenbuch») von 1650 Bilder von Pflanzen aus verschiedenen Gärten einschließlich dem von Tradescant. Die Bilder reichten von einheimischen Pflanzen wie dem Geißblatt bis zu Neuankömmlingen wie der aus Spanien eingeführten Jungfer im Grünen, der Damaszener-Rose aus dem Nahen Osten oder einer Dreimasterblumen-Art aus Virginia, die in England erstmals von Tradescant dem Älteren kultiviert worden war und nun den Namen Tradescantia virginiana trägt.

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In der Fotografie links kann man unter anderem eine Jungfer im Grünen im getrockneten Zustand entdecken. (2022, Zollikofen)

 

Dieses neue Genre des Blumenbuchs regte die Nachfrage nach Pflanzen, die von außerhalb Europas stammten, an. Denn noch bis Mitte des 16. Jahrhunderts wuchsen in europäischen Gärten fast nur in Europa und dem Mittelmeerraum heimische Pflanzen. Doch bereits 100 Jahre später sah man Krokusse, Knotenblumen (Leucojum), Zahnlilien (Erythronium), Milchsterne (Ornithogalum), Alpenveilchen, Hyazinthen, Lilien, Kaiserkronen, Ranunkeln und Tulpen aus dem Osmanischen Reich in den Blumenbeeten Europas sprießen. Besonders die Tulpen betörten die Gärtner wegen ihrer Farben und ihrer Vielfalt im Erscheinungsbild. Clusius hatte 1601 im Rariorum plantarum historia ganze 15 Seiten den Tulpen gewidmet, und auch Besler präsentierte in seinem Hortus zwölf Tafeln mit Tulpen mit vorwiegend kelch- und sternförmigen Blüten. Doch schon 1629 hatte John Parkinson in Paradisi in Sole Paradisus Terrestris über 100 verschiedene Varianten aufgenommen. Tulpen brachten oft neue Farbmuster hervor, ehedem Einfarbige entwickelten plötzlich lebhafte Streifen, waren bunt gestromt, geflammt oder gefedert. Wir wissen heute, dass ein Virus, das Tulip- Breaking-Virus (TBV), für dieses unvorhersehbare Phänomen verantwortlich ist, aber Anfang des 17. Jahrhunderts war die Ursache gänzlich unbekannt. Sobald spontan neue, außergewöhnlich gemusterte und mehrfarbig geflammte Varianten auftauchten, versuchten Züchter, diese Merkmale durch vegetative Vermehrung zu bewahren – zum ersten Mal wurde eine Gartenpflanze im großen Stil kommerziell ausgeschlachtet. In den 1620er-Jahren stiegen die Preise für die außergewöhnlichsten Tulpen rapide an, die auffällig rot-weiß gestreifte Sorte 'Semper Augustus' verkaufte sich für 1000 Florin pro Zwiebel (das entspricht heute etwa 60 000 US-Dollar). Durch Spekulationen stieg der Preis immer weiter, und ein Jahrzehnt später wechselte eine einzige 'Semper-Augustus'-Zwiebel für stolze 10 000 Holländische Gulden (heute etwa 600 000 US-Dollar) den Besitzer.

Bis 1637 stiegen die Preise ins Unermessliche, dann platzte die Blase. Die so hoch gehandelten Tulpenzwiebeln waren über Nacht wertlos. Bei anderen Pflanzen wiederholte sich eine derartige Krise, wie sie die «Tulpenmanie» ausgelöst hatte, zwar nicht, aber der Wunsch nach weiteren Neuheiten beförderte den Handel mit Pflanzen. In London agierten seit Beginn des 16. Jahrhunderts Pflanzen- und Samenhändler. Zu Zeiten John Tradescant des Älteren tauschten wohlhabende Grundbesitzer, denen es nach neuen Pflanzen für ihr Anwesen verlangte, diese mit anderen Grundherren aus oder sie bezogen sie direkt von Gärtnereien in ganz Europa.

Eine faszinierende Publikation aus dieser Zeit ist The Tradescants’ Orchard («Der Obstgarten der Tradescants»), ein ledergebundener Band mit 66 Darstellungen diverser Obstsorten. Von der «Dwarfe cherry» (Zwergkirsche) über den «grete Early yellowe peech» (den großen frühen gelben Pfirsich) bis zur «grete Roman Hasell Nut» (der großen römischen Haselnuss) sind diese Gemälde womöglich die ältesten noch erhaltenen Darstellungen von Obstsorten, die damals in England wuchsen. Die Tradescants haben sie wohl nicht selbst gemalt, aber im Buch wird auf sie als «JT» Bezug genommen. Vielleicht war diese Bildersammlung ja so etwas wie der Katalog einer Gärtnerei. Die älteste Liste dieser Art, die man aus Europa kennt, ist das Florilegium amplissimum et selectissimum (etwa «Höchst umfassende und erlesene Blumensammlung») aus dem Jahr 1612, in dem 560 ungewöhnliche Zierpflanzen und vor allem Zwiebelblumen präsentiert werden, die der niederländische Pflanzenhändler Emanuel Sweerts als Ware feilbot. Der nächste bebilderte Blumen- und Saatgutkatalog aus England, von dem man weiß, erschien erst 1730: Twelve Months of Flowers (etwa «Zwölf Monate mit Blumen»), herausgegeben vom Pflanzenzüchter und Gärtnereibetreiber Robert Furber. Das Werk, für das sich Furber mit dem flämischen Maler Pieter Casteels III. und dem englischen Kupferstecher Henry Fletcher zusammengetan hatte, bestand aus zwölf superb illustrierten Tafeln, auf denen mehr als 400 Blumen dargestellt waren.

 

IM GROSSEN WIE IM KLEINEN – GLOBAL UND REGIONAL (1750–1830)

Mit dem Blick der Indigenen – Pflanzendarstellungen in Indien, der Karibik und anderswo

Was die Arbeit im gewohnten Umfeld anging, waren europäische Künstler ungemein versiert, doch wenn es darum ging, die Flora vor Ort in der Fremde festzuhalten, war ein einheimischer Künstler oft die bessere Wahl. Die Britische Ostindien-Kompanie hatte das erkannt, und so entstanden von ortsansässigen Künstlern geschaffene exquisite Darstellungen unter anderem von Pflanzen, Vögeln und Insekten – in bester ökologischer Eintracht sozusagen. Üblicherweise wurden diese Künstler nicht namentlich genannt, sondern lapidar unter dem Sammelbegriff «Company School» bzw. «Kampani kalam» subsumiert. Und doch lassen sich neueren Forschungen zufolge einzelne Künstler identifizieren. Und nicht nur das – wie sich herausstellte, fand damals eine sehr deutliche Verschmelzung der Mal- und Zeichenstile statt: Die ausdrucksstarke, ebenso kräftige wie differenzierte Farbigkeit der indischen Kunst und die Anforderungen der westlichen Botanik gingen eine Symbiose ein, woraus etwas völlig Neues entstand. Die Bilder lassen sich nicht nur einzelnen Malern zuordnen, sondern auch geografisch verorten, da offenbar jede Region ihren eigenen Stil hatte.

 

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Hier zeigt sich eine bezaubernde Neoregelia. (2010, Oahu)

 

Die botanischen Gärten im sich ausbreitenden British Empire bildeten ein loses, inoffizielles Netzwerk, dessen Epizentrum in den Royal Botanic Gardens in Kew lag. Der dänische Arzt und Botaniker Nathaniel Wolff Wallich (1786–1854) wirkte beim Aufbau des botanischen Gartens von Kalkutta mit und fungierte ab 1817 als dessen Superintendent. Neben der Arbeit an seinen eigenen Projekten – so stellte er ein Herbarium zusammen, das etwa 20 000 Pflanzenexemplare enthielt – empfing er auch viele europäische Pflanzensammler und war ihnen bei ihrer Arbeit behilflich. Schließlich erfuhr sein Wirken eine Würdigung, indem die Gattung Wallichia nach ihm benannt wurde und sich sein Name auch im Epitheton mehrerer Pflanzenarten wiederfindet. 1829–1832 erschien sein Hauptwerk Plantae Asiaticae rariores («Seltene asiatische Pflanzen»), mit dem Wallich versuchte, die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums auf viele zuvor unbekannte ostasiatische Pflanzen zu lenken. Das Werk enthielt 294 erlesene Lithografien des in London wirkenden maltesischen Lithografen Maxim Gauci (1774–1854). Diese beruhten jedoch auf Aquarellen zweier einheimischer Künstler, Gorachand und Vishnu Prasad (siehe auch S. 254) mit Namen, die diese wohl zwischen 1830 und 1832 als Vorlage angefertigt hatten. Nicht zuletzt seien an dieser Stelle auch die Traditionen chinesischer Künstler genannt, die in den Handelshäfen und deren Umgebung in Südasien hauptsächlich für westliche Kundschaft, maßgeblich für die Granden der Ostindien-Kompanie, arbeiteten – und meist anonym blieben. Einer der wenigen, dessen Namen wir kennen, ist Win Achun, der im 19. Jahrhundert wirkte. Der schottische Botaniker Alexander Anderson (1748–1811), der dem botanischen Garten auf der damals britischen Karibikinsel St. Vincent vorstand – übrigens dem ersten in der Karibik –, griff bei dem letztendlich unvollendeten Vorhaben, eine Flora der Karibik zu erstellen, auf Künstler zurück, die ein Leben als Sklaven fristen mussten. In seinem Katalog nennt Anderson die nahezu 2000 Taxa bei ihren lateinischen Namen, erwähnt aber auch die karibischen bzw. afrokaribischen Namen. Im Rahmen der modernen Forschung wird in zunehmendem Maße versucht, die einzelnen Künstler, auch wenn ihre Namen anonym bleiben, wenigstens anhand von stilistischen Unterschieden zu identifizieren. Bemerkenswert ist hingegen, dass ein gewisser John Tyler, eine freie «Person of Colour» (PoC) von Antigua, die zwischen 1785 und 1811 für Anderson arbeitete, seine Arbeiten signierte – in makelloser Schönschrift.

 

DIE BOTANIK WIRD ZUR WISSENSCHAFT (1830–1950)

Der Blick durchs Mikroskop

In ihrer Anfangszeit war die Mikroskopie technisch noch nicht ausgereift. Trotz der unvollkommenen Linsen gelang es Charles-François Brisseau de Mirbel (1776–1854) in seiner Traité d’anatomie et de physiologie végétale von 1802 («Abhandlung über Pflanzenanatomie und -physiologie») nachzuweisen, dass alle Pflanzenzellen von einer durchgehenden Zellmembran umgeben sind. Der Kieler Botaniker Johann Jakob Paul Moldenhawer (1766– 1827) konnte bei seinen histologischen Studien grundlegende Strukturen wie Leitbündel und Spaltöffnungen identifizieren. Weil die Bilder aber so verschwommen waren, blieb die Wissenschaft dem Mikroskop gegenüber bis etwa 1830 skeptisch. Da war ferner das Problem des Halo-Effekts – unvollkommene Linsen erzeugten verschiedene Farbeffekte, sodass das Objekt von einem Halo umgeben war. Trotzdem war Joseph Jackson Lister (1786–1869) davon überzeugt, dass man Mikroskope durch einen veränderten Aufbau verbessern könne, und beauftragte eine Firma für optische Instrumente mit dem Bau. Diese neuen Mikroskope setzten sich rasch durch; mikroskopische histologische Befunde halfen zum Beispiel Listers Freund Thomas Hodgkin dabei, das Hodgkin-Lymphom zu beschreiben. Die Nachfrage nach Mikroskopen nahm zu, und bald galten sie in den Laboren von ganz Europa als Standardausrüstung.

Der schottische Botaniker Robert Brown (1773–1858) stellte vor der Linnean Society 1831 einen Bericht über seine Identifizierung des Zellkerns vor, die nur durch das Mikroskop möglich geworden war. In der Folge begann man, die wichtigen Unterschiede zwischen Tier- und Pflanzenzellen zu verstehen, und erkannte, dass eine Zellwand (im Gegensatz zur Zellmembran) nur bei Pflanzen vorkommt. Im Jahr 1839 formulierten zwei Deutsche, der Botaniker Matthias Schleiden (1804–1881) und der Anatom und Physiologe Theodor Schwann (1810–1882), gemeinsam die Zelltheorie (Zellen sind die Grundbausteine des Lebens). Sie illustrierten ihre Ergebnisse mit wunderschönen mikroskopischen Bildern – Schleiden für die Pflanzen (Beiträge zur Phytogenesis, 1838), Schwann für Pflanzen und Tiere (Mikroskopische Untersuchungen über die Uebereinstimmung in der Struktur und dem Wachsthum der Thiere und Pflanzen, 1839). Übrigens vergab Schleiden etliche Aufträge an den junge Carl Zeiss (1816–1888) und bestärkte diesen darin, sich mit seiner Firma auf Feinoptik zu spezialisieren. Schleiden erkannte als Erster, dass sämtliche Teile einer Pflanze aus Zellen bestehen, auch ihre Früchte einschließlich der Samen. Daraus ergab sich die Frage, wie denn die Befruchtung funktionierte, wenn jedes Elternteil hälftig zum Erbe der Nachkommenpflanze beitragen sollte.

 

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Auf dieser Aufnahme kann man gut die einzelnen Pflanzenzellen entdecken. (2023, Vieste) 

 

Dank der Erkenntnis, dass alles Leben auf Zellen basiert, konnte die Biologie erstmals als eigenständiges Gebiet wahrgenommen werden. Doch gleichzeitig begann sich die wissenschaftliche Praxis zu verändern: Langsam ersetzten Profis mit Spezialausbildung und Universitätsabschluss in den entsprechenden Fächern die begüterten Amateurwissenschaftler und gebildeten Damen der höheren Gesellschaft, die das Fach im frühen 19. Jahrhundert geprägt hatten. Dieser Wandel erfolgte nicht plötzlich – in Deutschland zwar früher und auffälliger als andernorts –, doch er sollte schließlich das Wesen der gesamten Botanik prägen.

Alle Fotos in diesem Beitrag: © Fiona Hofer

Carolyn Fry ist Journalistin und Autorin mit den Themenschwerpunkten Wissenschaft, Umwelt und botanische Forschung. Sie war unter anderem Redakteurin der Zeitschrift der Royal Geographical Society. Sie lebt an der Südküste Großbritanniens.

Emma Wayland ist Journalistin und Autorin. Sie hat am Imperial College in London und am Institut für Wissenschaftstheorie und -geschichte in Cambridge studiert. Zehn Jahre lang war sie Gartenkolumnistin des "Independent on Sunday" und gehört seit 15 Jahren zum Guide-Team in Kew Gardens.

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