Der Igel ist unser Tier des Jahres 2026: Anouk-Lisa Taucher & Madeleine Geiger im Interview
Hier bei uns in der Schweiz hat sich Anfang Jahr ein neues Tier den Titel «Tier des Jahres 2026» geschnappt und zwar ist das unser recht bekannter, wilder Nachbar: Der Igel!
Zu diesem Anlass haben uns die HauptAutorinnen Anouk-Lisa Taucher und Madeleine Geiger (beide arbeiten bei SWILD) freundlicherweise ein paar aktuelle Fragen zu dem beliebten Wildtier beantwortet. Die Antworten haben wir hier in diesem Beitrag für Sie zusammengetragen.
Das Interview ist zudem auch eine perfekte Gelegenheit auf ihr bereits erschienenes Buch «Der Igel – Nachbar und Wildtier» aus dem Jahr 2021 hinzuweisen und zu verkünden, dass auch bald ein weiteres Wildtier von den beiden (und zwei anderen Autorinnenn) in Form eines Buches porträtiert werden wird: Und zwar der Dachs!
Bleiben Sie also gespannt und lesen Sie sich gerne hier etwas in die Materie rund um unser «Tier des Jahres 2026» ein.
Der Igel ist zurecht das «Tier des Jahres 2026». Was fasziniert Sie an diesem Wildtier und wie kam es dazu, dem Igel ein eigenes Buch (2021) zu widmen?
Der Igel ist ein Wildtier, das direkt vor unserer Haustüre lebt, mitunter auch mitten in der Stadt. Obwohl es für uns vielleicht nicht so scheint, findet der Igel in Siedlungsgebieten alles, was er braucht: Offenen Wiesenflächen in Parks und Gärten bieten ihm eine Nahrungsgrundlage und Büsche und Hecken Verstecke während des Tages und über den Winter. Ein Igel weiss genau, wo in seinem Streifgebiet sich welche Wiese mit saftigen Käfern befindet, wo es geeignete Durchschlüpfe gibt und bei der Überquerung welcher Strassen er vorsichtig sein muss. Igel sind also sehr anpassungsfähig und finden sich in unseren Siedlungsgebieten bestens zurecht.
Zum Buch kam es, weil es in der deutschsprachigen Literatur so gut wie keine Bücher zur allgemeinen Biologie und Ökologie der Igel und zu ihrer Förderung gab.
In Zürich wurde vor Kurzem ein Verbot von benzinbetriebenen Laubbläsern verabschiedet. Inwiefern ist das ein Sieg für die Igel und denken Sie, dass dieses Abstimmungsergebnis Auswirkungen auf andere Kantone der Schweiz haben wird?
Der Igel profitiert von diesem Verbot eher indirekt, indem dies dazu führt, dass vielleicht nicht alles Laub akribisch weggeräumt wird. Im Laub befinden sich viele Kleintiere (Insekten, Spinnen und andere Krabbler), die dem Igel als Nahrung dienen. Wird das Laub liegen gelassen, kann er diese fressen. Das Laub ist für den Igel aber auch wichtig, um sein Tagesschlaf- und Winternest auszupolstern und zu isolieren.
Es ist schwierig einzuschätzen, inwiefern dieses Abstimmungsresultat der Stadt Zürich Auswirkungen auf den Kanton Zürich oder sogar andere Kantone haben wird. Wir hoffen jedoch, dass es als Maßstab für andere Regionen dienen kann.
Der Igel wird in der Schweiz als «potenziell gefährdet» eingestuft. Was gehört zu den potenziellen Gefahren, welchen dieses Wildtier ausgeliefert ist?
Der Rückgang der Igel in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass der Igel seit Kurzem auf der «Vorwarnliste» steht. Das bedeutet, dass der Igel wahrscheinlich – also potenziell – gefährdet ist. Die genauen Gründe für den Rückgang der Igelpopulationen sind nicht bekannt. Wahrscheinlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Mögliche Gründe für den Rückgang der Igel sind:
- Lebensraumverlust durch Rückgang der Grünflächen
- Lebensraumverlust durch fehlende Verbindung von Lebensräumen (z.B. durch Mauern, Zäune, aber auch vielbefahrene Strassen)
- Abnahme der Lebensraumqualität durch das Pflanzen und Bewirtschaften von monotonen Grünflächen
- Verlust der Nahrungsgrundlage durch den Rückgang der Insekten
- Weitere Gefahren: Gifteinsatz (Rodentizide), Fallen und Gefahren bei der Gartenarbeit (z.B. Fadenmäher)
Igel sind Wildtiere und sollten daher in ihrem Lebensraum gefördert werden! Welche Organisationen oder Vereine setzen sich für unsere heimischen Igel ein?
Das sind z.B. Pro Igel, StadtWildTiere, Wilde Nachbarn, Pro Natura, WWF und noch ganz viele mehr!
Was hat es mit Igel-Auffangstationen auf sich? Welche Aufgaben übernehmen diese?
Auffangstationen können als Notfalllösungen zum Einsatz kommen, wenn ein Tier verletzt ist und Hilfe benötigt. Eine gute Auffangstation macht viel Aufklärungsarbeit und versucht die Tiere möglichst in ihrem natürlichen Lebensraum zu lassen. Tiere werden nur aufgenommen, falls wirklich nötig.
Viel wichtiger und nachhaltiger für den Igel ist, dass sein Lebensraum und seine Nahrungsgrundlagen erhalten und gefördert werden. Dazu gehört zum Beispiel eine möglichst naturnahe Gartenpflege (z.B. einheimische Stauden und Gehölze und etwas wildere Ecken, evt. mit Ast- und Laubhaufen) und Verbindungen zwischen diesen Gärten (z.B. durch Lücken im Zaun).
Können Sie den Begriff «Animal-Aided Design» genauer ausführen und vielleicht ein paar Beispiele in Bezug auf den Igel nennen?
Bei «Animal-Aided Design» werden die Bedürfnisse der Wildtiere bereits in der Planungsphase von Bauprojekten berücksichtigt. Es handelt sich um einen ganzheitlichen Ansatz, welcher den ganzen Lebenszyklus berücksichtigt (z.B. Bedürfnisse von Jungtieren und Adulten). Zielarten werden während der Planung definiert und deren Ansprüche bei der Freiraumgestaltung, der Gebäudearchitektur und den Pflegekonzepten miteinbezogen.
Beispiele in Bezug auf Igel:
- Für mehr Durchgängigkeit: Zäune werden nicht bis an den Boden gezogen, sondern haben mindestens 10 cm Abstand vom Boden.
- Für Nahrungsgrundlage und Lebensraum: Asthaufen & Laubhaufen miteinplanen und Aussenräume naturnah bepflanzen.
Vermehrt wird auf Citizen Science bei der Erforschung und Erfassung von Wildtieren gesetzt. Gibt es solche Projekte auch in der Schweiz, wo ich als Privatperson mithelfen kann, Igel oder andere Wildtiere zu erfassen?
Stadtwildtiere.ch und wildenachbarn.ch sind Meldeplattformen, wo beobachtete Igel und andere Wildtiere aus dem Siedlungsraum gemeldet werden können.
Es gab auch bereits mehrere spezifische Projekte im Rahmen von StadtWildTiere und Wilde Nachbarn, bei denen man aktiver mitmachen konnte. 2024 gab es beispielsweise mehrere Projekte, bei denen Freiwillige aktiv beim Aufstellen von Spurentunneln zum Nachweis von Igeln mitmachen konnten. Hier gibt es Einblicke in diese Projekte: https://www.wildenachbarn.ch/aktionen
Welche Botschaft(en) möchten Sie mit Ihrem Igel-Buch vermitteln?
Igel sind sehr beliebte Tiere. Jedes Kind weiss, was ein Igel ist und viele Menschen haben schon einmal einen Igel gesehen. Daher sind Igel gute Botschafter für die Biodiversität im Siedlungsraum. Dies ist besonders deshalb wichtig, weil mehr als die Hälfte der Einwohner:innen der Schweiz in Siedlungsgebieten und städtisch geprägten Gebieten leben. Hier entdecken wir als Kinder die Natur. Daher ist es wichtig, hier die Natur zu schützen und Begegnungen mit der Natur zu fördern.
Ausserdem möchten wir aufzeigen, dass die Natur nicht erst ausserhalb des Siedlungsraums beginnt, sondern dass Siedlungsgebiete eine hohe Biodiversität aufweisen und es vieles Spannendes zu entdecken gibt, wenn man nur genau hinschaut. Weiterhin zeigt der Igel, dass es wichtig ist, den Grünflächen in der Stadt Sorge zu tragen. Grünflächen in Siedlungsgebieten sind Lebensräume für viele Wildtiere. Im Falle des Igels sind sie sogar besonders wichtig, da der Igel in den intensiv genutzten und ausgeräumten Landwirtschaftsgebieten keinen Lebensraum mehr findet. Ausserdem sind diese Grünflächen auch ein wichtiger Erholungsraum für uns Menschen.
Und zum Schluss: Haben Sie ein besonderes Erlebnis in Verbindung mit unserem «Tier des Jahres 2026», das Sie geprägt hat und das Sie hier mit uns teilen möchten?
Anouk: Mich faszinierte es sehr, bei den Igelzählungen, als wir direkt mit den Tieren Kontakt hatten, zu sehen, wie es bei den Igeln, wie bei den Menschen, verschiedene Persönlichkeiten gibt. Gewisse Individuen rannten davon, sobald sie uns kommen sahen, andere rollten sich sofort ein und bewegten sich 15 Minuten nicht mehr von der Stelle.
Madeleine: Ich finde es immer lustig, wie man die Igel häufig hört, bevor man sie sieht. Sie schmatzen meistens recht laut beim Fressen und verhalten sich auch sonst nicht besonders unauffällig.
Anouk-Lisa Taucher studierte Biologie an der Universität Zürich und arbeitet als Wildtierbiologin bei SWILD und in den Projekten StadtWildTiere und Wilde Nachbarn. Als Projektleiterin ist sie massgeblich in unterschiedliche Projekte zur Erforschung der Verbreitung und des Rückganges der Igel in fünf Schweizer Städten und schweizweit involviert.
Madeleine Geiger hat an der Universität Zürich in Biologie promoviert. Sie arbeitet heute als Wissenschaftlerin an der Universität Zürich und bei SWILD. Der Schwerpunkt ihrer Forschung beinhaltet verschiedene Stufen des Zusammenlebens von Mensch und Tier bis hin zur Domestikation und deren Auswirkungen auf Körperbau, Entwicklung, Evolution und Ökologie.