Die Welt der Heuschrecken: Martin Husemann & Oliver Hawlitschek im Interview
Bewegt man sich durch einen Garten, so ist es nicht weiter ungewöhnlich, wenn man darin auch mal auf eine Heuschrecke trifft. Oft zeigen wir uns da beeindruckt von deren Farbgebung oder Größe.
Doch obschon wir dieser Insektengruppe häufiger über den Weg laufen, wissen wir erstaunlich wenig über diese faszinierenden Tiere.
Höchste Zeit also, diesen Wesen eine Bühne und mehr Raum zu geben, zum Beispiel in Form des umfangreichen Buches «Die Welt der Heuschrecken». Darin geben die Autoren Martin Husemann und Oliver Hawlitschek Einblicke in die Evolution der Heuschrecken, deren Lebenszyklus und Paarungsverhalten. Sie berichten von Schutzprojekten und davon, welche Beziehung der Mensch zu den Heuschrecken hat. Zudem hat sich das Autoren-Team mit Forschenden aus aller Welt vernetzt und deren Arbeit mit ins Buch einfließen lassen.
Im Interview geben uns die beiden Autoren und Heuschrecken-Fans einen Einblick in die Arbeit an ihrem Buch und verraten, welche Heuschrecken-Arten sie zu ihren Lieblingen zählen.
Viel Vergnügen beim Lesen!
MH: Martin Husemann
OH: Oliver Hawlitschek
Woher kommt Ihre Faszination für Heuschrecken? Und wie kam es dazu, gerade diesen Insekten ein eigenes Buch zu widmen?
MH: Ich war immer schon viel draußen in der Natur und habe mich für «Krabbeltiere» interessiert. Meine Bachelorarbeit habe ich dann zu Sandschrecken gemacht. Das hat mich dann von den Heuschrecken überzeugt und ich bin dabei geblieben. Die Gruppe ist nicht zu groß und daher ganz gut für den Einstieg in Insekten. Aber Sie hat doch, wie das Buch zeigt, viele spannende Arten mit interessanten Anpassungen.
OH: Bemerkenswert ist, wie wenig – im Verhältnis zu anderen Insektengruppen – Literatur zu Heuschrecken vorhanden ist, insbesondere solche, die auch für Lai:innen zugänglich ist. Das wollten wir ändern! Und ich glaube, es ist uns gelungen, die zahlreichen faszinierenden Aspekte dieser Tiere ins Rampenlicht zu rücken.
Wie haben Sie sich kennengelernt und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit am Buch?
Wir haben uns bei einer Preisverleihung in der Zoologischen Staatsammlung München das erste Mal getroffen und dann später in Hamburg zusammen an einem Institut gearbeitet. Da ist auch die Idee entstanden ein Buch zu machen. Wir haben uns bei dem Buch sehr gut durch unsere verschiedenen Kontakte und Interessen ergänzt und so auch die «Bälle» gut zuspielen können.
Warum ist die Heuschrecke bisher so wenig erforscht worden?
Das ist eine interessante Frage. «Die Heuschrecke» gibt es ja nicht, sondern mehr als 30 000 Arten. Generell sind die Arten in Deutschland und Mitteleuropa recht gut erforscht. Auch zu den Wanderheuschrecken, weltweit als Ernteschädlinge gelten, gibt es viel Forschung. Aber bei der globalen Biodiversität und Ökologie gibt es noch viel zu entdecken. Es gibt halt insgesamt zu wenige Heuschreckenforscher:innen für die vielen Arten.
In ihrem Buch gehen Sie weit über die DACH-Grenzen hinaus. Wie hat sich die Arbeit mit den forschenden Kolleg:innen im Ausland abgespielt?
Genauso wie in Deutschland. Wir haben das ganze ja über E-Mail organisiert, da macht das keinen großen Unterschied. Die grösste Herausforderung war, die Texte in beide Sprachen Deutsch/ Englisch zu übersetzen. Grade bei dem ersten Kapitel zur Benennung gibt es hier viele Unterscheide. Aber die Arbeit mit unseren internationalen Kolleginnen und Kollegen war sehr bereichernd.
Der Ruf der Heuschrecken ist in den Köpfen vieler Menschen eher negativ vorbelastet. Können Sie etwas zur ökologischen Bedeutung der Heuschrecken sagen?
Das liegt vor allem an den Wanderheuschrecken, die aber nur sehr wenige Arten im Vergleich zur Gesamtartenzahl darstellen. Davon hat sich auch der Begriff der «Heuschrecken» in der Wirtschaft abgeleitet. Allerdings sind es die wenigsten Arten, die wirklich problematisch sind. Die meisten sind wichtige Herbivoren (Pflanzenfresser) und stellen durch ihre hohe Biomasse eine sehr wichtige Grundlage vieler Nahrungsnetze dar. Viele Vögel, Reptilien und Amphibien, aber auch andere Insekten sind auf Heuschrecken angewiesen.
Grille, Heuschrecke, Grashüpfer – ist das alles dasselbe oder wie lassen sich diese Begriffe grob unterscheiden.
Die deutschen Namen sind nicht ganz einfach und können sich auch regional unterscheiden. Generell ist «Heuschrecke» der Überbegriff. Die Grashüpfer sind eigentlich im engeren Sinne die Gattung Chorthippus. Die Grillen gehören zu den Langfühlerschrecken und sind hier eine Überfamilie.
Im Buch werden verschiedenste Heuschreckenarten auf der ganzen Welt aufgeführt. Haben Sie eine Lieblingsheuschrecke und falls ja, warum genau diese?
MH: Bei mir sind es die Sandschrecken, also Arten der Gattung Sphingonotus. Ich arbeite jetzt seit über 20 Jahren daran. Und die Tiere sind nach wie vor sehr spannend und es gibt viel zu erforschen.
OH: Mehr als eine! Eine spannende Geschichte hat die Dahlemer Gewächshausschrecke, wie im Buch nachzulesen. Meine Lieblingsart in der Forschung ist gerade der Südalpen-Grashüpfer, von dem noch unklar ist, ob es sich um eine oder mehrere Arten handelt.
Was versteht man unter der Bioakustik und was können Sie hierzu in Bezug auf die umfangreiche Welt der Heuschrecken sagen?
Die Bioakustik ist die Analyse von akustischer Kommunikation im Tierreich. Hier sind die Heuschrecken, neben den Vögeln, Fledermäusen, und vielleicht den Zikaden, eine der interessantesten Tiergruppen. Vor allem sind sie in der Erzeugung der Laute, aber auch in der Komplexität der Gesänge vermutlich sogar die diverseste Tiergruppe. Die Gesänge werden vor allem zur Partner:innenwahl genutzt, aber auch in Gefahrensituationen oder um Rival:innen zu beeindrucken.
Viele Heuschreckenarten weisen eine beeindruckende Mimikry (Täuschungsstrategie im Aussehen oder Verhalten) auf. Warum wählen viele hierbei als Vorbild ihrer Täuschung das Aussehen einer Wespe?
Bei den Heuschrecken sind das gar nicht so viele, die Wespen imitieren. Allerdings ist Wespenmimikry insgesamt im Insektenreich sehr häufig. Das ist auch klar, weil viele Wespen die typische schwarz gelbe Färbung haben und damit Gefahr signalisieren. Damit ist diese Schreckfarbe von vielen Prädatoren (Beutegreifer) gelernt und auch die eigentlich harmlosen Imitator:innen sind recht gut geschützt.
Welche Botschaft(en) möchten Sie mit dem umfassenden Werk vermitteln?
Wir wollten vor allem unsere Liebe und Faszination teilen. Wir wollten mit dem Buch, gleichermaßen für Fachleute aber auch Lai:innen, zeigen wie vielfältig die Heuschrecken sind und damit ein wenig mehr positive Aufmerksamkeit erregen. Viele Arten sind mittlerweile selten und geschützt. Auch hierfür ist öffentliche Beachtung wichtig, damit diese Arten noch lange erhalten werden können.
Und zum Schluss: Haben Sie ein besonderes Erlebnis in Verbindung mit diesem Insekt, das Sie geprägt hat und das Sie hier mit uns teilen möchten?
MH: Prinzipiell gibt es viele. Wenn man eine Art, die man gezielt sucht zum ersten Mal findet, ist das immer wieder was ganz besonderes. Es verbindet mit der Natur. Und es zeigt jedes Mal wieder, wie spannend die Tiere doch sind.
Prof. Dr. Martin Husemann ist Direktor des Naturkundemuseums Karlsruhe. Er forscht seit über 15 Jahren an Heuschrecken, vor allem an Ödlandschrecken, um Artbildungsprozesse besser zu verstehen, und setzt sich auch für ihren Schutz ein.
Dr. Oliver Hawlitschek ist Dozent an der Universität Zürich. Ihn faszinieren seit vielen Jahren vor allem die komplexen Verhaltensweisen und Gesänge der Grashüpfer.