Die Lösung der Honigbiene für das Varroa-Problem
Honigbienen können Varroa selbst bekämpfen – wenn man sie lässt
Der Umgang mit Varroa-Milben gilt als eine der grössten Herausforderungen der modernen Bienenhaltung. In «Die Lösung der Honigbiene für das Varroa-Problem» erklärt der britische Imker Steve Riley praxisnah, wie Imkerinnen und Imker Varroaresistenz-Verhalten in ihren Völkern identifizieren und gezielt fördern können.
Das Buch verbindet aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung. Verständlich führt es in die Biologie der Varroamilbe, die Rolle von Viren sowie die Entstehung varroaresistenter Populationen ein – im Vereinigten Königreich und weltweit. Die ersten Kapitel bringen die Lesenden auf den neusten Forschungsstand. Darauf aufbauend zeigt der Autor Schritt für Schritt, wie er gemeinsam mit Kollegen über sechs Jahre hinweg erfolgreich eine resistente Honigbienenpopulation aufgebaut hat – mit Methoden, die allen Imkerinnen und Imkern zur Verfügung stehen. Damit liefert das Buch nicht nur fundiertes Hintergrundwissen, sondern vor allem einen konkreten Leitfaden für die Praxis. Es zeigt auf, wie die europäische Honigbiene selbst in der Lage ist, eine der grössten Herausforderungen für ihr Überleben zu meistern.
Im Interview erzählt Steve Riley, wie er zum behandlungsfreien Imkern kam und gibt Tipps für alle, die damit anfangen möchten.
Das Originalinterview auf Englisch finden Sie weiter unten in diesem Beitrag.
Wie sind Sie zur Imkerei gekommen?
Bei der Suche nach einem besonderen Geschenk für einen Freund in Form von Honigbienen stieß ich zufällig auf die faszinierende Welt ihrer eusozialen Gesellschaft. Schnell wurde mir klar: Dieses Geschenk war eigentlich für mich selbst bestimmt!
Was hat Sie dazu bewogen, auf behandlungsfreies Imkern umzusteigen?
Kurz gesagt kam die Inspiration von den Honigbienen selbst: Apis mellifera hat bereits selbst eine Lösung gegen die Varroa-Milbe gefunden! Unser Ansatz war es, ihr Resistenz-Verhalten zu verstehen und sie darin zu unterstützen.
In den ersten Jahren unserer Imkerlaufbahn hörte man von Ausbildnern oft den Satz: „Behandelst du nicht, gehen deine Bienen ein.“ Doch es erschien uns widersprüchlich, ein Bienenvolk, das ein so reines Naturprodukt wie Honig erzeugt, mit chemischen Akariziden zu belasten. Die meisten Anfängerinnen und Anfänger beginnen aus Angst vor Verlusten mit der Behandlung, statt über nachhaltige Alternativen aufgeklärt zu werden.
Dabei gab es bereits früh Hinweise darauf, dass Apis mellifera selbst Lösungen gegen Varroa entwickelt: Resistente Populationen wurden in Afrika, Südamerika, Kuba, in Teilen des Vereinigten Königreichs, Kontinentaleuropas und der USA dokumentiert. Barbara Lockes Studie „Natürliche, Varroa-Milben überlebende Apis mellifera-Populationen“ (2016) fasste viele dieser Fälle zusammen. Auch das USDA trug durch die Einfuhr varroaresistenter Bienen aus der russischen Region Primorje zur Erforschung ihrer Eigenschaften bei.
Sie haben zusammen mit anderen Imkerinnen und Imkern über sechs Jahre hinweg erfolgreich eine resistente Honigbienenpopulation aufgebaut. Wie sind sie vorgegangen und inwiefern hat dieser Austausch dazu geführt, schneller Fortschritte zu erzielen?
Im Gründungsteam der Westerham Beekeepers tauschten wir regelmäßig Beobachtungen und Erfahrungen aus. Bei Völkerverlusten unterstützten wir uns gegenseitig mit Bienen aus vitalen Völkern, die gut mit der Varroamilbe zurecht kamen. Durch gezielte Selektion auf Varroa-Resistenzmerkmale und niedrige Milbenzahlen entwickelte sich die Population schnell in Richtung resistenter Bienen. Zudem förderten wir gezielt die Zucht von Drohnen aus den besten Völkern, um die gewünschten Eigenschaften in der lokalen Population zu verankern.
Das Vereinsprojekt startete 2018 mit 28 Völkern und umfasst heute etwa 160 Völker, die in der neunten Saison ohne Behandlung auskommen. Besonders erfolgreich waren der Wissensaustausch, das gegenseitige Aushelfen mit Bienenvölkern sowie die Einrichtung eines Zuchtstandes für varroaresistente Königinnen und Ableger.
Ein vollständig varroaresistentes Volk. Der Aufbau besteht aus einer britischen Standard-Beute, einem Königinnengitter und einem Einschubbrett, das immer unter dem Gitterboden liegt und sozusagen als Boden der Beute dient. Bild: Steve Riley.
Sie schreiben, dass das genetische Potenzial für Varroa-Resistenz in allen Populationen der westlichen Honigbiene vorhanden ist. Doch wie lässt sich dieses Potenzial konkret nutzen?
Ohne imkerliche Eingriffe können sich innerhalb von fünf bis acht Jahren vollständig varroaresistente, genetisch durchmischte Populationen entwickeln – wie Beispiele aus Kuba und Südafrika zeigen. Die Honigbienen verfügen über die notwendigen hygienischen Abwehrmechanismen. Entscheidend ist, dass Imker diese verstehen, um bei der Selektion oder beim Zukauf von Bienen die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Zwei praktische Ansätze zur Beschleunigung der Varroa-Resistenz:
Ausbildung: Das Erkennen und überwachen natürlich vorkommender Varroaresistenz-Eigenschaften sollte in der Imkerausbildung und Fachliteratur breit verankert werden. In Großbritannien geschieht dies bereits, indem die Lehrpläne angepasst wurden.
Züchtung: Kommerzielle Züchter sollten ausschließlich unbehandelte und vollständig varroaresistente Königinnen anbieten. In Kontinentaleuropa wurden bereits große Fortschritte bei der Zucht von Bienen mit Varroa-Sensitiver Hygiene (VSH) erzielt, die auch exportiert werden. Allerdings dient VSH häufig als reines Marketingargument, ohne dass ausreichende Informationen über die tatsächliche Resistenz oder die angewandten Messmethoden vorliegen. Der Verkauf nicht resistenter Königinnen bürdet den Imkerinnen und Imker das Problem auf: Sie müssen sich dann mit den Milben und dem damit verbundene Flügeldeformationsvirus herumschlagen – das darf nicht sein.
Wüssten Honigkonsumenten, wie viele Akarizide in Bienenvölkern eingesetzt werden, würde sich die imkerliche Praxis sehr schnell ändern.
Wie erklären Sie sich, dass viele Imkerinnen und Imker ihre Völker weiterhin gegen die Varroa-Milbe behandeln?
Imkerorganisationen, wie auch staatliche Stellen, reagieren auf das Varroaproblem noch immer wie zur Zeit der erstmaligen Varroa-Invasion vor 30 bis 40 Jahren. Es herrscht weitverbreitete Unkenntnis für die natürlichen Abwehrmechanismen der Bienen gegen die Milbe. Im Kern handelt es sich um ein Bildungsproblem.
Regelmäßige Akarizid-Behandlungen führen dazu, dass nicht resistente Bienen im Zuchtkreislauf gehalten werden. Aus ihnen werden dann wieder neue Königinnen gezogen - ein Teufelskreis. Bildung und praktischer Erfahrungsaustausch sind der Schlüssel, wenn uns die Zukunft der Honigbiene wirklich am Herzen liegt.
Schwache Bienen mit Akariziden zu schützen und dies als „gute Gesundheit“ zu bezeichnen, ist irreführend. Ein Blick auf die Verluste von über 60 % der Völker in der kommerziellen Imkerei in den USA (Zahlen vom März 2025) verdeutlicht dies.
Welche ersten Schritte würden Sie Einsteigerinnen und Einsteigern empfehlen?
Wer mit der Imkerei beginnt, sollte zunächst das Imkerhandwerk sorgfältig lernen – die Lernkurve in den ersten Jahren ist steil.
Beginnen Sie vorsichtig: Beginnen Sie mit wenigen Völkern und nehmen Sie sich Zeit zur Beobachtung. Idealerweise arbeiten Sie mit anderen zusammen, denn der Aufbau von Varroa-Resistenz eignet sich hervorragend als Gemeinschaftsprojekt für Imkervereine.
Wenn Sie auf chemische Akarizide verzichten, beziehen Sie varroaresistente Bienen von erfahrenen Imkerinnen und Imker oder versuchen Sie, Schwärme aus langlebigen, wildlebenden Populationen einzufangen. Lernen Sie den Lebenszyklus der Varroa-Milbe sowie jenen der Honigbiene gut kennen und üben Sie das Erkennen und Fördern von Resistenz-Eigenschaften.
Und vergessen Sie niemals: Bienen haben eine eigene Lösung für die Varroa-Milbe, die ihnen ein langfristiges Gleichgewicht ermöglicht!
Englisches Originalinterview
How did you get into beekeeping?
By accident, whilst researching a present of honey bees for a friend. The complexity of the bees’ eusocial society was fascinating and I soon realised that the present would be for me!
What prompted you to switch to treatment-free beekeeping?
The short answer is that we were inspired by Apis mellifera honey bees finding their own solution to varroa and we tried to understand and then copy what the bees were doing.
During the early years of beekeeping training, the message given to beginners was: “If you don’t treat, your bees will die”. It seemed odd to put chemical miticides (pesticides) onto a colony of bees that produce the beautiful, natural product of honey. But, that’s how most beginners start, fearing the loss of the colony, rather than being taught about long-term solutions.
There was early evidence that Apis mellifera honey bees could find a solution to varroa mites. Resistant populations appeared throughout Africa, South America, Cuba and in parts of the UK, Continental Europe and in the US. Many of these were summarised in Barbara Locke’s 2016 publication: “Natural Varroa mite - surviving Apis mellifera honey bee populations”. Excellent work was also being carried out by the USDA, where varroa-resistant honey bees from the Primorsky region of Russia had been imported for research into their traits.
Our breakthrough came from meeting Dr. Ralph Büchler, who was lecturing at Gormanston, Ireland in 2017. Two techniques were learned that replaced the summer miticide treatments - queen frame trapping and summer brood removal. They both worked and the bees were fresh and vigorous the following spring. From there, we stopped all beekeeper reduction of mites and monitored varroa levels, increasing from colonies with low mite loads and re-queening the others.
Together with other beekeepers, you have successfully built up a resistant honeybee population over a period of six years. How did you go about this, and to what extent did this collaboration help you make progress more quickly?
The founder team at Westerham Beekeepers shared observations and learnings. Where there were colony losses, we helped each other with bees that were doing well. Apiary dynamics changed very quickly in favour of varroa-resistant bees through monitoring for these traits and low mite levels. Drones were also encouraged from the best colonies to consolidate these favourable traits into the local environment.
The club project started with 28 colonies in 2018 and now has around 160 not being treated in our 9th season. Collaboration of knowledge, sharing bees and setting up a breeding apiary for varroa-resistant queens and nucs has worked well.
You write that the genetic potential for Varroa resistance is present in all populations of the western honeybee. How can this potential be utilised in practice?
Yes, fully varroa-resistant panmictic populations of honey bees appear in around 5 to 8 years where there is no beekeeper interference. This is the lesson from Cuba and South Africa. The honey bee hygienic defences against varroa are there, but need to be understood by beekeepers to empower them to make better selection or buying decisions.
Two practical ideas to accelerate varroa-resistance in honey bees:
1) Beekeeper education: Promote the understanding of how to identify and monitor for naturally occuring varroa-resistant traits. Include this information in beekeeper education and articles in trade magazines. This is happening in the UK where the syllabus for beekeeper training has been changed.
2) Commercial queen breeders to sell only non-treated and fully varroa-resistant queens. Much progress has been made towards breeding Varroa Sensitive Hygiene ("VSH") queens in Continental Europe, which are exported to other European countries. VSH is often included as part of the marketing but with insufficient information for the buyer about how many years of not treating or which methods were used to measure the queen's VSH ability. Selling non-resistant queens transfers a mite and associated deformed wing virus problem to the beekeeper. That should not be happening.
A further observation. If the honey consumer knew about the quantity of miticides applied to bee colonies, beekeeper practices would change very quickly.
How do you explain the fact that so many beekeepers still treat their colonies with medication against the Varroa mite?
Beekeeping organisations, including government agencies, are still reacting to the varroa invasion of 30 to 40 years ago. There has been a widespread failure to understand the honey bees' hygienic defences against the mite. It is a challenge of education.
Applying regular miticide treatments to colonies keeps non-resistant bees in the breeding cycle. Then, new queens are produced from them!! It is a circular problem. Again, education and examples are the solutions if we genuinely care about the honey bee's future. You cannot prop-up weak bees with miticides and call that "good health". Just look at the over 60% colony losses in the USA commercial sector in March 2025.
What first steps would you recommend to beginners?
If you are starting out in beekeeping, learn your bee craft first. There is a steep learning curve in the early years.
Always, the guidance is to start conservatively. Monitor over a period of time and commence initially with a few colonies. Where possible, work with others; establishing varroa-resistance is a good project for beekeeping clubs.
If you are committed to never using chemical miticides on colonies, source varroa-resistant bees from a beekeeper with a track-record or try to catch swarms from long standing free-living colonies. Learn the life cycle of the varroa mite, along side that of the honey bee, and how to identify varroa-resistant traits. Never forget that the bees have a solution to varroa, enabling them to live in equilibrium.
Steve Riley ist Vorsitzender und Bildungsbeauftragter bei den Westerham Beekeepers. Er ist Mitglied des Teams «Path to Varroa resistance in the UK», das im April 2023 die Bildungs- und Wissenschaftswebsite www.varroaresistant.uk lancierte. Die englische Fassung des Buchs gewann die «Apimondia Medaille», eine Auszeichnung des Weltimkereikongresses für herausragende Leistungen in der Imkerei.