Das Schweizer Trachtenbuch: Kanton Bern
Das Ergebnis zum 100-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Trachtenvereinigung!
Ein erfrischender Blick auf die neue und alte Trachtenvielfalt – modern vor Ort inszeniert in über 370 Bildern: So zeigt sich das neue Standardwerk der Schweizer Trachten «Das Schweizer Trachtenbuch», auch in französischer und italienischer Sprache erhältlich.
Spezialistinnen und Historiker, Schneiderinnen und Kunsthandwerker aus allen 26 Kantonen haben darin das Wissen über die Trachten und das Trachtenwesen in ihren Heimatkantonen sorgfältig zusammengetragen, kuratiert und beschrieben.
Alle Fotos stammen von © Silvan Bucher.
Zufälle gibt's manchmal ...
Am vergangenen Freitag habe ich mich intensiv mit dem Kapitel der Berner Trachten auseinandergesetzt. Und wie der Zufall es wollte, traf ich am darauffolgenden Tag auf eine Saanerin in Ligerz, die zusammen mit ihrem Mann selbstgemachten Käse verkaufte. Beide trugen sie Trachten und ich konnte das am Vortag Gelesene sofort wiedererkennen und so ganz einfach ein Gespräch starten. Anhand des Schnabels am Mieder der Frauentracht habe ich die Tracht dem Kanton Bern zugeordnet, was tatsächlich stimmte. Der Mann trug einen typischen Saaner Mutz – eine Trachtenjacke der Berner Männer.
Die ältere Frau hat mir dann augenzwinkernd verraten, dass sie Teile der Tracht selbst angefertigt habe und sie so also nicht ganz traditionell daherkomme. Eigentlich hätte sie ja eine Werktagstracht nähen sollen, da sie aber lieber eine schönere Tracht für Feiern und Anlässe haben wollte und mir erklärte, dass es eigentlich kaum Gelegenheiten gäbe, eine Werktagstracht zu tragen, entschloss sie sich kurzerhand dafür eine etwas edlere Form, nämlich eine Kirchentracht aus rot-glänzendem Stoff zu nähen. Ich fand das Gespräch so spannend, da die Frau mir auch zeigte und erklärte, welche Trachten in welchen Farben und mit welchen Accessoires in ihrer Region sonst noch so getragen würden. Zudem benutzte sie Fachbegriffe wie «Bschysserli» und ich war so stolz, dass ich durch meine Lektüre wusste, wovon sie sprach.
Ich mag es, mich mit noch unbekannten Themen zu beschäftigen und Neues zu lernen. Das ich das Neue dann gleich in einem Gespräch anwenden konnte, hätte ich nicht gedacht! Zufälle gibt’s einfach manchmal und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Starten wir nun also unsere Reise in die Kulturgeschichte der Schweiz mit den Trachten des Kantons Bern.
Haslitaler Sonntagstracht: Zur Tracht gehört ein geblümtes Schultertuch aus der Reisläuferzeit. Typisch ist zudem eine gestärkte Deckelfalte am Ärmel.
Text von Ruth Wagner-Hüppi, Oberbalm
Die Wurzeln unserer Trachten gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Das Portrait einer Bürgersfrau von Bleiken bei Oberdiessbach von 1720 steht am Anfang der Rokoko-Mode (1730–1775), die unseren heutigen Trachten die Grundform gab. Das Berner Schnabelmieder ist davon abgeleitet. Alte Stiche, Lithographien und die Bilder des Malers Josef Reinhard (1749–1824) zeigen, wie die Trachten damals aussahen. Die Empire-Mode (1800–1830) fand in der Bevölkerung Anklang und ist bis heute in einigen Oberländer Trachten erkennbar, zum Beispiel in der Brienzer und der Haslitaler Tracht. In der Biedermeierzeit (1815–1850) entstand das schmucklose Berner Mieder mit einem versteckten Verschluss in der Mitte. Die samtene Haube erhielt aufrecht stehende Spitzen aus Rosshaar, eingefasst von Chenille.
Berner Trachten weisen selten Stickereien auf – diese beiden hier zeigen, vor dem Tor des Schlosses Trachselwald im Emmental, wie schmückend die Stickereien wirken.
Alte Fotografien belegen, dass die Berner Trachten bereits um 1860 jene typischen Merkmale aufwiesen, die nur wenig verändert bis in die heutige Zeit überliefert sind. Allerdings wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Trachten neu geschaffen: die Freudenberger-, die Ausgangs-, die Werktags- und die Landfrauentracht. Nach historischen Vorlagen überarbeitet wurden die Münger- und die Gotthelftracht.
Wir unterscheiden heute zwischen allgemeinen und regionalen Trachten. Allgemeine Trachten werden im ganzen Kanton gleich getragen. Dazu gehören die Berner Sonntagstracht, die Freudenberger-, die Münger-, die Gotthelf- und die Ausgangstracht sowie die Werktags- und die Landfrauentracht. Die regionalen Trachten haben zwar viel mit den allgemeinen Trachten gemeinsam, sie bewahrten oder entwickelten aber spezifische regionale Merkmale.
Französische Modeströmungen und Einflüsse aus den Nachbarkantonen, insbesondere aus der Reisläuferzeit, hatten Einfluss auf die Trachten. Im Vergleich zu den Trachten der katholischen Nachbarkantone kommen die Trachten des reformierten Kantons Bern nüchterner daher. Sie sind schlichter in der Ausstattung, dafür klarer im Design.
Es ist aber falsch anzunehmen, dass schlicht auch arm bedeutet. Im Gegenteil, die allgemeinen Sonntags- und Festtagstrachten werden mit viel filigranem Silberschmuck getragen: Je grösser der Wohlstand der Familie, desto mehr Silberschmuck an der Kleidung.
Typisch für viele Berner Frauentrachten ist das Schnabelmieder – auch wenn es Gebiete gibt, in denen keines getragen wird, zum Beispiel im Haslital, in Guggisberg und in den Weinbauregionen.
Bei den Männertrachten gibt es den Burgunder über der schwarzen Hose, der vorwiegend im Seeland und im Berner Jura mit gestickter Blumenborte getragen wird.
Der Mutz oder Cheesrock, wie er im Berner Oberland genannt wird, war ursprünglich den Älplern vorbehalten. Heute wird er auch von Jodlern getragen, die ihn gerne mit einer kleinen Änderung wie einer Stickerei, einer speziellen Linienführung oder eigenen Knöpfen individualisieren.
Der Berntuch-Anzug wurde früher als «Guttuch» aus einem feinen, anschmiegsamen Wollstoff für die nobleren Herren gefertigt und wird heute noch so getragen. Weniger Begüterte trugen den «Halblein», der aus einem etwas steiferen Leinen-Woll-Gewebe hergestellt wurde – den tragen wir heute kaum mehr.
Im Oberland hat fast jedes Tal seine regionalen Trachten. Bei der Brienzer Tracht sind die Einflüsse der Empire-Epoche gut zu sehen. Die Sommer-Sonntagstracht zeigt eine hoch geschnittene Taille. Das Mieder ist vorne tief ausgeschnitten mit Glasperlenstickereien und im Rückenteil schmal. Eine geschnitzte Holzbrosche schmückt das Hemd.
Im Frutigtal, im Saanenland und im Simmental werden mit Spitzen verzierte Vorstecker, sogenannte Bschysserli, getragen. Die Trachten aus diesen Tälern verwenden keinen Schmuck. Sie glänzen stattdessen mit Seidenschürzen und fransenbesetzten Schultertüchern.
Farbige Sommer-Sonntagstracht (Frutigen): Speziell ist das altüberlieferte Präss- oder Frutigtuch – ein matt changierender Wollstoff.
Zu den Trachten in Grindelwald wird schönes Filigransilber mit «Bhänk» getragen. Die Farben der Schürzen und Blumenkränze aus Alpenrosen, Enzian, Butterblumen oder Edelweiss sind aufeinander abgestimmt.
Im Seeland sind zwei Grundformen vorherrschend: schwarzer Kittel mit Schnabelmieder aus zweifarbenem Jacquardsamt wie bei der Gotthelftracht, oder die Trachten mit dem geschnürten Winzerinnenmieder.
Die Bielerinnen und die Täuffelerinnen tragen die Tracht in Rot-Schwarz, die Erlacher und Erlacherinnen und die Nidauerinnen in Grün-Schwarz und die Lengnauerinnen in Blau-Schwarz.
Im Seeland gehört bei den Frauen das runde, bestickte und fransenbesetzte Schultertuch zur Tracht, es zeugt vom französischen Einfluss. Die Winzerinnentracht aus Spiez passt gut zu den Trachten aus Ligerz und Twann – dem Arbeitsort der Winzer und Winzerinnen. Die Trachten mit dem schnabellosen, geschnürten Mieder und den Motiven aus dem Weinanbau unterscheiden sich untereinander vor allem in den Farben und Motiven der Stickereien.
Lengnauer Tracht (Seeland): An den einstigen Einfluss der Gewässer erinnert die Silbe «Au» im Ortsnamen – das erklärt die Farbe Blau in der Tracht. Das runde bestickte Schultertuch mit Fransenabschluss zeugt vom französischen Einfluss.
Der Einfluss aus dem französischen Jura ist bei den Trachten aus La Neuveville unübersehbar. Die Frauentracht mit dem kordelverschnürten Mieder wird mit einem Schultertuch aus mit Spitzen besetztem Tüll getragen. Passend dazu die Männertracht mit Gehrock, Gilet mit Spitzenjabot, kniekurzen Hosen und einem Dreispitz.
Trachten verändern sich. Das Wiederbeleben oder die Neuschaffung einer Tracht gleicht einer Gratwanderung zwischen Bewahren der Traditionen und Aufnehmen von Neuerungen. Alte Darstellungen der Böniger Tracht gaben 1992 den Anstoss zu deren Wiederbelebung. Nach vielen Diskussionen wurde sie 1999 als Neuschaffung anerkannt. Im Jahr 2011 folgte die Erneuerung der Landfrauentracht und im Jahr 2018 die Wiederbelebung der Oberaargauer Tracht. In unserem Jahresbott 2025 haben wir beschlossen, vor allem die nach Region unterschiedlichen Mutzen der Männer als eigenständige Trachten zu definieren – womit die Anzahl Herrentrachten von 17 auf 38 gestiegen ist. Derweil wurden in den letzten Jahren einige Stoffe pflegeleichter, was nur von Vorteil ist.
Auf das korrekte Tragen der Trachten wird nach wie vor Wert gelegt. Früher war es nicht angebracht, zum Beispiel auffällige Finger- oder Ohrringe oder gewöhnliche Schuhe zu tragen. In der heutige Gesellschaft, in der Tattoos, Piercings, künstliche und farbige Fingernägel akzeptiert werden, sieht man auch die einen und anderen Trachtenleute damit. Bei Fussproblemen sind bequeme Schuhe gestattet.
Und warum auch nicht? Bei einem starren Regelwerk wäre unser wunderbares Volkskulturgut dem Untergang geweiht. So bleibt es erhalten, und die Trachtenleute fühlen sich wohl in ihrer Kleidung und tragen sie stolz.
Die Zahl der aktiven Trachtengruppen schwindet – meistens durch Überalterung, denn Nachwuchs ist spärlich. Trachten werden trotzdem getragen. Viele Vereine wie Musikgesellschaften, Schwingund Hornusservereine oder Jodlergruppen sind den Trachten verbunden. Sei es als Bekleidung für die Ehrendamen oder für Jodlerinnen und Jodler, Schwinger und Hornusser.
Werktags- und Landfrauentracht: Die Werktagstracht ist eine einfache Tracht und in vielen Farben erhältlich. Die Schürze ist immer längsgestreift und farblich zur Tracht passend. Das Schnabelmieder kann uni oder gestreift sein. Die Landfrauentracht ist eine Arbeitstracht und wird mit einer Schürze ohne Latz getragen. Sie ist sehr pflegeleicht, denn sie kann selber gewaschen werden. Im Kanton Bern tragen die Kinder die Erwachsenen-Trachten im Kleinformat.
Bern in Zahlen
108 Trachten im Kanton, davon:
- 70 Frauentrachten
- 38 Männertrachten
- 0 Kindertrachten (analog den Erwachsenen)
3 Trachtenregionen:
- Berner Oberland
- Berner Mittelland, Seeland, Berner Jura
- Emmental und Oberaargau
95 Trachtengruppen
40 Kinder- und Jugendtanzgruppen
Verband gegründet: 1929
Die Schweizerische Trachtenvereinigung (STV) wurde am 6. Juni 1926 in Luzern gegründet und umfasst über 15 000 Mitglieder in den 650 Gruppen, welche wiederum in 26 Kantonalvereinigungen organisiert sind. Die STV ist ein volkskundlicher Dachverband, welcher in allen 4 Sprachregionen der Schweiz vertreten ist.
Buchteam: Silvan Bucher (Fotografie), Dunja Rutschmann (Trachten), Christian Hug (Redaktion), Ivan Zumbühl (Organisation)