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Von «Ratten» und Menschen

Kaum ein anderes Tier provoziert so starke Emotionen wie die Ratte, und kaum ein anderes Wildtier ist so unglaublich eng mit der Geschichte und dem Leben des Menschen verwoben.
Autorin und Biologin Irene Weinberger widmet ihr neuestes Buch diesem cleveren Wildtier, zu dem wir Menschen ein ziemlich ambivalentes Verhältnis haben. Das Buch «Ratten» gibt einen Einblick in die erstaunliche Welt der Wander- und Hausratten. Es führt in die Evolution, die Biologie und Ökologie der beiden bei uns heimischen Arten ein, thematisiert Ratten als Haus- und Labortier und umfasst ihren Einfluss auf die Biodiversität, die Lebensmittelproduktion und das Gesundheitswesen.

«What do we know about rats?
Very little.»
(Captain W.G. Liston, 1905)

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Sobald es ruhiger wird auf den Îles du Frioul vor Marseille huschen die Ratten aus ihren Verstecken und machen sich hinter die Essensreste der Tourist:innen. Foto: © Fiona Hofer
Weinberger, Irene
Ratten Book

CHF 38.00*

Sie ist eine Randgestalt in der Dämmerung, ein Schatten in der Kanalisation, ein Trippeln auf dem Speicher. Gleichzeitig bewegt sich die Ratte sprachlich mitten in unserer Gesellschaft. Wir reden von Rattenlöchern, wenn eine Unterkunft unseren Ansprüchen nicht genügt, und von Rattenschwanz, wenn eine Aufgabe die nächste nach sich zieht. Ratzfatz soll heute alles gehen, rattenscharf war früher mal – und sowieso verlassen alle Ratten das sinkende Schiff.

In der westlichen Welt hat die Ratte nicht den besten Ruf. Man verbindet sie mit Tod, Verwesung und Verderben und unterstellt ihr gelegentlich, absichtlich boshaft dem Menschen gegenüber zu handeln. Diese Einstellung wird mitgeprägt von Religion und Kultur, wo die Ratte als Symbol des Bösen auftaucht oder für den drohenden Untergang steht. Das reale Tier hat man allerdings etwas aus den Augen verloren. Wobei in der Mehrzahl gesprochen werden sollte, denn es gibt viele Rattenarten.

In Europa kommen zwei Arten vor: die Hausratte und die Wanderratte. Beide Arten begleiten den Menschen seit Landwirtschaft betrieben wird, sie folgen den Handelsstraßen und gehören heute zu den Säugetieren mit der weltweit größten Verbreitung. Man trifft die beiden Rattenarten in Städten, in Wäldern, auf Feldfluren und auf nahen und fernen Inseln an. In Mitteleuropa jedoch ist die Hausratte inzwischen so selten geworden, dass sie auf nationalen Roten Listen steht. Viel häufiger und zahlreicher hierzulande ist die Wanderratte. Sie erreicht in urbanen Gebieten je nach Schätzung eine Bestandsgröße von bis zu einem Viertel der menschlichen Bevölkerung. Dennoch begegnen sich die menschlichen und tierischen Einwohner in unseren Städten eher selten. Es sind zwei Parallelwelten, die in der Stadt nebeneinander resp. untereinander existieren. Die Wanderratte lebt nämlich unter unseren Füßen im Untergrund. Sie hat sich fast wortwörtlich unter unseren Tisch gesetzt, wo sie sich hauptsächlich von unseren Essensresten ernährt. Ähnlich agiert die Hausratte, wenngleich sie sich eher über unseren Köpfen durch die Welt hangelt. Als Meister der Verschwendung und der Gedankenlosigkeit beeinflussen wir daher die Dimensionen der Rattenwelt, und das weltweit. Dabei werden Ratten selten als Individuum betrachtet, sondern als eine große, gleich agierende Masse. Als Schädlinge vernichten die Ratten unsere Nahrung, sie sind gefürchtete Krankheitsüberträgerinnen und aktive Partizipantinnen der Biodiversitätskrise. Doch ohne uns wären die beiden Rattenarten nicht da, wo sie heute sind. Und auch wir wären ohne Ratten nicht da, wo wir jetzt sind. Allein die Errungenschaften in der Medizin, die uns die Studien an Laborratten gebracht haben, sind in ihrem Ausmaß fast nicht zu fassen. Weitaus weniger Interesse haben wir bis heute der wild lebenden Hausratte und der Wanderratte entgegengebracht, und die meisten Studien über wilde Ratten konzentrieren sich auf deren Bekämpfung.

Es ist erstaunlich, wie wenig wir über diese Tiere wissen, die sich in unserer unmittelbaren Nähe aufhalten. Dieses Buch ist eine Einladung, sich mit «unseren» wilden Ratten vertraut zu machen und das häufig ausschließlich negativ konnotierte Bild von ihnen zu überdenken.
Nachfolgend haben wir Ihnen drei bekannte Wortschöpfungen zusammengetragen: Rattenschwanz, Rattenloch und Kanalratte. In unserem Alltag verwenden wir diese Wörter abwertend, negativ konnotiert. Damit räumt Irene Weinberger in ihrem Buch auf. Sie umschreibt die Begriffe in ihrer Realität und gibt ihnen dadurch ihre Positivität zurück ...

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Lassen Sie uns mehr über unsere wilden Nachbarn erfahren! Foto: © Fiona Hofer

 

Wundersache Rattenschwanz (Hausratte)

Der Schwanz der Hausratte ist einfarbig, rund und nackt. Er trägt durchschnittlich 254 Schuppenringe, wobei die Spannweite zwischen 220 und 290 Ringen liegt. Der Schwanz ist ein Multitaskgerät und wird für die Balance beim Klettern und gelegentlich als Greifarm beim Pausieren im Geäst eingesetzt. Bei den eindrücklichen Sprüngen durch die Luft rotieren Hausratten ihren Schwanz wie einen Propeller. Das ermöglicht ihnen, mit dem Kopf nach oben auf dem angepeilten Stamm zu landen. Gleichzeitig hilft der Schwanz bei der Thermoregulation. Ratten schwitzen nicht und können nicht hecheln, dafür können sie Wärme über den Schwanz abgeben. Wie andere Nagetiere können auch Hausratten Teile ihres Schwanzes abwerfen, um einem Beutegreifer zu entfliehen. Dabei bricht nicht der Schwanz mitsamt den Wirbeln ab, sondern die Haut bricht an einem der Schuppenringe und wird von da zum Schwanzende hin abgestreift. Der freiliegende Abschnitt trocknet anschließend innerhalb von zwei Tagen und nach spätestens einer Woche fallen die exponierten Wirbel ab.

Da eine konkrete Sollbruchstelle fehlt, kann der abgeworfene Teil länger oder kürzer sein. Wie häufig solche Schäden auftreten, ist wahrscheinlich abhängig von der Dichte oder der Effizienz der lokalen Beutegreifer. In einer Studie an 299 Hausratten, die an drei Standorten gefangen worden waren, wiesen Hausratten unterschiedlich häufig Schwanzschäden auf. Bei zwei Standorten wiesen 2 und 5 Prozente aller gefangenen Tiere einen Schwanzschaden auf, beim Standort mit den meisten Verletzungen waren es stattliche 21 Prozent. Bei Hausratten mit intakten Schwänzen zählt man durchschnittlich zwischen 32 und 37 Schwanzwirbel. In der Studie waren bei den Tieren mit den beschädigten Schwänzen zwischen 14 und 32 Wirbel übrig. Die meisten Tiere hatten somit 20 bis 35 Prozent ihres Schwanzes verloren, einige wenige gar mehr als die Hälfte. Wenn man bedenkt, wie wichtig der Schwanz für die Hausratte ist, wiegt der Verlust eines Schwanzstückes je nach Lebensraum sehr schwer. Wer eine Hausratte am Boden beobachten kann, sieht, wie sorgsam sie mit ihrem Schwanz umgeht: Sie trägt ihn meist angehoben und setzt ihn selten ab.

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Je komplexer das Höhlensystem, desto mehr Eingänge sind vorhanden. Foto: © Shutterstock Beekeepx

 

«Ratzfatz» ein Rattenloch – Tiefbaumeisterin par excellence (Wanderratte)

Einen Großteil ihres Lebens verbringt die Wanderratte unterirdisch. In der Natur baut sie sich mehr oder minder komplexe Höhlensysteme, und das mit ganzem Körpereinsatz. Die Wanderratte gräbt vor allem mit den Vorderpfoten, mal mit maulwurfartigen Bewegungen, mal wie ein Hund. Was nicht passend ist, wird mit den Zähnen passend gemacht: Wurzeln werden abgenagt, Steine mit den Zähnen herausgerupft. Die Erde stößt sie mit den Vorderpfoten unter dem Bauch durch und mit den Hinterpfoten weiter nach hinten. Nach einer Rattenlänge Bautätigkeit kehrt sich die Ratte um und stößt die angehäufte Erde mit den Vorderpfoten mithilfe des Kopfes in Richtung Ausgang. Die Wanderratte belässt es jedoch nicht dabei; sie fabriziert keine Hügel wie die Schermaus, sondern verteilt die Erde explizit um den Ausgang. Dabei kickt sie die lose Erde mit ihren Hinterfüßen weg von der Höhle.

Sie ist eine schnelle Baumeisterin, die komplexe Höhlensysteme innerhalb eines Tages entstehen lassen kann. Solche Höhlensysteme können von einer einzelnen Ratte zum Eigengebrauch, aber auch von einer ganzen Gruppe als Gemeinschaftswerk gebaut werden. Nur selten teilt man sich aber die Arbeitsabläufe im gleichen Tunnel, lieber beschäftigt man sich allein am Werk. Man baut übrigens nicht nur für die Gemeinschaft und an Gemeinschaftsräumen: Wo sich Weibchen von liebestollen Männchen bedrängt fühlen, mauern sie kurzerhand auch mal einen Gang zu.

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Eine Ratte kann ganz schön teuer werden ... Foto: © Shutterstock Dennis Jacobsen

Das paradiesische Leben einer «Kanalratte» (Wanderratte)

Nicht überall gräbt die Wanderratte ihre Höhlen selbst. Sie baut ihre Nester auch an geschützten und trockenen Orten wie in Hohlräumen von Wänden, unter Abfallbergen oder in Röhren der unterirdischen Abwassersysteme. Trocken muss ihr Nest jedoch auch da sein. In vielen Städten lebt ein Großteil der Wanderratten in der Kanalisation. Diese ist kein homogenes Gebilde, und genauso empfindet es die Wanderratte. Sie bevorzugt stillgelegte Abschnitte, Löcher und kaputte Rohre, in denen sich eine Gruppe gern einrichtet und von dort aus auf Nahrungssuche durch die Kanalisation zieht. Dabei scheint die Wanderratte die Abschnitte mit einem eher schmalen Durchmesser und langsam fließendem Wasser häufiger aufzusuchen. Kontrollschächte mit einem Durchmesser von bis zu 61 Zentimetern wiesen in einer Studie fast durchweg Rattenaktivität auf, die größeren Schächte jedoch nicht. Aus Rattensicht ist die Kanalisation ein attraktives Habitat, um sich häuslich einzurichten. Die Temperatur ist im Sommer schön kühl und im Winter wunderbar warm verglichen mit den Außentemperaturen. Zudem wird permanent Essen vorbeigeschwemmt, das die Menschen in ihren Häusern die Toilette herabspülen oder in Abwasserschächte werfen.

Ein weiteres Plus für die Wanderratte: Der Bereich ist frei von Beutegreifern. Kaum je verirrt sich eine Katze in die Kanalisation, und kein Uhu hat bislang diese Jagdgründe entdeckt. Das Leben in der Kanalisation ist für eine Wanderratte somit ein Paradies. Nur wenn der Bestand zu groß wird, muss ausgewandert werden. Und das kann schnell passieren, denn die konstanten Konditionen ermöglichen eine ganzjährige Fortpflanzung, mit gleichzeitig begrenztem Nahrungs- und Versteckangebot innerhalb des Territoriums der Kolonie. Wer auswandert, spaziert horizontal in andere Kanalabschnitte oder klettert nach oben. Insbesondere dann, wenn die Kanalisation Risse und Defekte aufweist, kann es passieren, dass die eine oder andere Wanderratte die Abenteuerlust packt und sie sich im nächsten Gebäude wiederfindet.

Irene Weinberger promovierte an der Universität Zürich über den Fischotter. Sie ist freischaffende Biologin im Natur- und Artenschutz mit Fokus auf kleine bis mittelgrosse Säugetiere. Seit 2016 leitet sie zudem die Geschäftstelle der Stiftung Pro Lutra.

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