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HauptAutoren Julian Muhmenthaler und Peer Schilperoord

Die Geschichte alter Sorten und Anbaumethoden interessiert immer mehr Menschen – weit über landwirtschaftliche Fachkreise hinaus. Die Betrachtung der Schweiz ist dabei besonders lohnend. Denn mit ihrer landschaftlichen Vielfalt und unterschiedlichen Lebensräumen ist die Schweiz ein Agrar- und Waldland von hoher Diversität. Zwei Neuerscheinungen des Haupt Verlags blicken auf die Entwicklung in der Vergangenheit und zeigen Wege in die Zukunft der Agrar- und Fortwirtschaft: «Kulturpflanzen der Schweiz» und «Waldbewirtschaftung in der Schweiz».

Wir haben die Autoren der beiden Bücher, Julian Muhmenthaler und Peer Schilperoord zum Interview getroffen. Darin erzählen sie uns, woher ihre Faszination für die Kulturpflanzen und den Wald kommt und was für besondere Erlebnisse sie damit verknüpfen. 

Gespräch mit Peer Schilperoord zu seinem Buch «Kulturpflanzen der Schweiz»:

Woher kommt Ihr Interesse an Kulturpflanzen und wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade dieses Buch zu schreiben?

Das Interesse an den Kulturpflanzen habe ich seit meiner Jugend. Ich wollte als Kind wissen, welches Getreide auf den Äckern, an denen wir mit dem Velo vorbeigefahren sind, angebaut wurde. So lernte ich Weizen, Gerste und Roggen kennen. Als Jugendlicher habe ich für mein Biologiestudium bewusst die landwirtschaftliche Universität in Wageningen gewählt, ich wollte den Bezug zur Landwirtschaft, wollte aber nicht Landwirtschaft studieren. Zum Studium gehörte auch die Wissenschaftsphilosophie, die sich mit erkenntnistheoretischen Grundlagen der Wissenschaft befasst. Die Idee für dieses Buch kam mir während meiner Arbeiten an der Schriftenreihe «Kulturpflanzen in der Schweiz». Ich hatte festgestellt, dass die Geschichte der in der nationalen Genbank aufbewahrten Kulturpflanzen kaum erforscht und dokumentiert war. Man stelle sich ein Museum vor mit Exponaten von denen man nicht genau weiss wie man sie historisch einordnen soll. Dazu kommt, dass Vielfalt, bzw. Diversität ein Modewort geworden ist. Man kann die Vielfalt in Zahlen fassen, so viele Arten und so viele Sorten befinden sich in der Genbank, und so das Publikum beeindrucken. Ein Verständnis für die Vielfalt ergibt sich erst, wenn man sich auf die Sorten einlässt und die Geschichte ihrer Entstehung und allenfalls ihres Verschwindens kennen lernt. Dazu gehören auch die Entstehungsgeschichte der Genbank selber. Die allerersten Sorten waren Allrounder, für viele Zwecke einsetzbar. Aus den Allzwecksorten entwickelten sich im Laufe der Zeit Spezialsorten. Ein Ziel des Buches ist die Dynamik der Sortenentwicklung zu beschreiben, deswegen steht am Anfang der Satz: «Sorten sind Momentaufnahmen einer Kulturpflanze, die sich laufend entwickelt.» 

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Roggenfelder, Sorte Cadi, auf Ackerterassen in Erschmatt. In diesen mässig gedüngten, lichten Feldern überlebt die ursprünglich weitverbreitete Ackerbegleitflora. Foto: Peer Schilperoord

Sie schreiben im Vorwort: Die Frage nach dem Nutzen einer Kulturpflanze, nach ihrer Geschichte oder nach der Bedeutung der Diversität kann man ergänzen mit ungewöhnlichen Fragen an die Kulturpflanze: Wie bist du, wer du bist? Können Sie anhand einer ausgewählten Kulturpflanze sagen, was diese antworten würde?

Es geht bei dieser Frage um den persönlichen Bezug zu den Pflanzen, die über die Verinnerlichung durch das Essen der Pflanzen hinausgeht. Bei der Verdauung setzt man sich am intensivsten mit den Pflanzen auseinander, aber die Erlebnisse die man da hat kommen in der Regel nicht zum Bewusstsein. Bewusst können wir uns bei der Begegnung mit einer Pflanze ihre Geste, ihre Gebärde. Ich nehme als Beispiel den Dinkel. Charakteristisch für den Dinkel, wie für den Weizen, Roggen und Gerste auch, ist die Geschwindigkeit des Schossens, der Halmbildung. Alles auch die Blätter beteiligen sich an dem Wachstum der Halme, das Linienartige, die Aufrechte ist betont. Dazu kommt noch die schön durchgestaltete Ähre. Typisch sind auch die Farben während der Gelb- man kann auch sagen Goldreife, bevor die Pflanze stirbt und die Körner gedroschen werden können. Bei dieser Betrachtungsart ist man Künstler, Maler, Poet und lässt den analytischen Blick ruhen. Der Dinkel zeigt dann seine besondere Beziehung zum Licht, zur Klarheit, durch diese Eigenschaften spricht er zu uns. In meinem aktuellen Büch stelle ich diese ungewöhnlichen Fragen ohne das Thema zu vertiefen. In meinem Buch «Sieben Getreide» ist das Thema ausführlich dargestellt. 

Wie gelingt es, dass eine Kulturpflanze ihr Aussehen verändern kann?

Die Pflanze ist in der Lage ihre Organe, ihr Gewebe, ihre Zellen unabhängig voneinander zu modifizieren. Sie kann die Wurzel betonen, den Stängel, den Blütenstand oder die Samen. Dazu kann sie innerhalb eines Organs die verschiedenen Gewebestrukturen unabhängig von einander modifizieren. So kann sie den Blattstiel und die Rippen dick machen oder mehr die Blattspreiten betonen oder gar auf gewisse Elemente verzichten. Auf der zellulären Ebene kann sie in jedem Organ in jedem Gewebe den Gehalt an Inhaltsstoffen, darunter auch Pigmente modifizieren. So kann zum Beispiel der Gehalt an Bitterstoffen reduziert werden. Zum Schluss hat sie noch die Möglichkeit ihre Entwicklung zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Beim Obst und Gemüse gibt es eine Bandbreite an frühen bis späten Sorten.

Welches historische Ereignis in Bezug auf die Kulturpflanzen ist bis heute prägend für die Schweiz?

Prägend für die Schweiz und nicht nur für die Schweiz sondern für die Welt ist die Entkoppelung des Ertragsniveaus von der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Bis zum ersten Weltkrieg spielten die Hülsenfrüchte für die Erhaltung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit eine grosse Rolle. Sie können mit Hilfe von Knöllchenbakterien Luftstickstoff binden. Es braucht Stickstoff für die Bildung von Eiweiss. Am Anfang des ersten Weltkrieges 1914 wurde in Deutschland die erste industrielle Anlage zur Bindung von Luftstickstoff in Betrieb genommen. Zunächst diente sie zur Herstellung von Salpeter für die Produktion von Munition. Nach dem Weltkrieg dienten die Anlagen zusätzlich zur Herstellung von Kunstdünger. Der Traum der 1890er-Jahre «Brot aus Luft», eine Leistung die die Leguminosen kostenlos seit eh und je erbringen, wurde ohne die Hilfe der Leguminosen, erfüllt. Die natürliche Bodenfruchtbarkeit verlor an Bedeutung.

Was gibt es für Gründe, dass gewisse Kulturpflanzen nicht mehr angebaut werden?

Ein Grund für das Verschwinden ist die Ernährungssicherheit. Der ertragreichere Mais hat die Hirse, die Kartoffel hat in  niederschlagsreicheren Gegenden den Anbau von Getreide zum Verschwinden gebracht. Die Kulturpflanzen, die sich für ärmere Böden eigneten wie Einkorn und Emmer verschwanden, weil auf den ärmeren Böden durch den Einsatz von Kunstdünger das Ertragsniveau gesteigert werden konnte. Die Böden waren «zu fruchtbar» für die beiden Getreidearten. Ein weiterer Grund ist die Spezialisierung auf einige wenige Kulturpflanzenarten, dadurch wurde die Fruchtfolge auf den Äckern immer einseitiger. Die Erbsen und Ackerbohnen verschwanden, weil es keine Beschränkungen durch Kontingente für den Import aus dem Ausland gab und mit Weizen, Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben mehr verdient werden konnte. Der Import von Getreide, Zuckerrüben, Gemüse und Obst ist reguliert. 

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Hafer. Links: Nackthafer, rechts: Spelzhafer. Foto: Peer Schilperoord

Haben Sie eine Lieblingskulturpflanze und falls ja, warum genau diese?

Ich habe zwei Lieblingspflanzen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Ich liebe die Beete und den Emmer. Der Emmer ist ein Verwandter des Weizens und dem Dinkel ähnlich. Würde man einen Schönheitswettbewerb veranstalten, dann würde der Emmer ihn gewinnen. Insbesondere die Ähre des Emmers ist ein ästhetischer Genuss. Die klare Gliederung der Ähre, die Grannen, die glänzende Farbe der Spelzen. Welchen Wettbewerb würde die Beete gewinnen? Ich meine hier die wilde Beete. Eine Schönheit ist die wilde Beete nicht. Dafür kann man sie als Spezialistin unter den Spezialisten nennen. Sie liebt die Küste. Ihr Standort streckt sich aus von den Küsten des Mittelmeeres bis zu den Küsten Südnorwegens. Die wilde Beete wächst genau dort, wo das Meer nach einem Sturm Tang, Federn und Holz deponiert. Sie kann als Landpflanze ausgezeichnet mit dem salzigen Bedingungen umgehen. Sie ist sogar auf das Meer angewiesen für die Verbreitung ihrer Früchte. Die Früchte schwimmen im Wasser, dank ihren korkhaltigen Wänden. Als Kulturpflanze, als Zuckerrübe, ist die Beete zudem die ertragreichste Pflanze auf unseren Äckern. 

 

Gespräch mit Julian Muhmenthaler zu seinem Buch «Waldbewirtschaftung in der Schweiz»

Woher kommt Ihre Faszination am Wald und wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade dieses Buch zu schreiben?

Viele meiner klarsten Kindheitserinnerungen spielen im Wald: Feuer machen, Pilze sammeln, rennen, schreien, Kind sein, dreckig werden. Meine ursprüngliche Liebe zum Wald ist also leicht erklärt: der Wald war der beste Spielplatz.

Dass ich beruflich in den Wald zurückgefunden habe, ist jedoch eher dem Zufall geschuldet. Während meinem Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich hat mich das Ökosystem Wald immer mehr in seinen Bann gezogen. 

Wie erklären Sie sich, dass es etliche verschiedene Gartenbücher, aber vor ihrem noch keines zur Waldbewirtschaftung gab?

Gärtnern ist ein Hobby, Waldbau ist eine Mehrgenerationenaufgabe. Im Garten kann experimentiert werden: wenn etwas nicht klappt, kann man im nächsten Jahr etwas Neues probieren. Bei Waldbäumen mit Umtriebszeiten von oft über 100 Jahren und noch viel höheren biologischen Maximalaltern muss auf Wissen und Erfahrungen anderer zurückgegriffen werden.

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Buchen-Hallenwald mit einer grossen Eiche (rechts) in Lengnau (AG). Foto: Julian Muhmenthaler

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben? Was wollen Sie damit erreichen?

Das Buch richtet sich an alle, die sich für den Schweizer Wald, seine Geschichte und seine Pflege interessieren. Insbesondere für die fast 250'000 Waldbesitzenden, aber auch für Entscheidungstragende, die sich bspw. auf Gemeindeebene mit dem Walddossier beschäftigen. Das sind oft forstliche Laien, denen bisher ein gesammeltes Grundlagenwerk gefehlt hat. Das Buch versteht sich somit als gemeinsame Diskussionsgrundlage für Überlegungen über zukunftsweisende Waldbewirtschaftung.

Was ist bei einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung am wichtigsten?

Die Antwort auf diese Frage hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Bis vor wenigen Jahren wurde der Wald als weitgehend gleichbleibender, beständiger Organismus betrachtet (sprich: was früher geklappt hat, geht auch heute). Aufgrund des rasch fortschreitenden Klimawandels und den langen Planungszeiträumen (viele Jahrzehnte!) braucht es einen Paradigmenwechsel.

Heute würde ich sagen «Voraussicht» und die Bereitschaft Erfahrungswerte durch wissenschaftliche Modelle zu ersetzen. Wird heute ein Baum an einer Stelle verjüngt und gepflegt, wo die Umweltbedingungen in 50 Jahren nicht mehr geeignet sind, entspricht das einer kolossalen Fehlinvestition; nicht nur ökonomisch, sondern auch bezüglich der vom Wald erbrachten Ökosystemdienstleistungen.

Was ist das markanteste, das sich in den letzten 100 Jahren, an der Art, wie wir den Wald als Gesellschaft sehen, verändert hat?

Auch vor 100 Jahren noch, aber besonders bevor Öl Holz als Brennstoff abgelöst hat, war der Wald eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Gemischte Nutzungsformen wie die Waldweide oder die Nutzung von Laub für Betten und als Stalleinstreu waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreitet. Damals lag der Fokus grösstenteils auf der Holzproduktion, heute stehen vielerorts andere Waldleistungen, wie die Erholungsleistung, die Biodiversität, oder der Schutz vor Naturgefahren im Vordergrund.

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Moore bieten Habitat für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Moorgebiet unweit des Etang de Bouleyres bei Bulle (FR) im Frühjahr 2022. Foto: Julian Muhmenthaler

Wie geht es den Schweizer Wäldern heute? Was können wir tun, um diese zu schützen?

Das ist eine sehr breite Frage, die sich nicht allgemein beantworten lässt. Wenn ich müsste, würde ich sagen «gut mit negativer Tendenz». Der Klimawandel ist vermutlich die grösste Herausforderung, aber bei weitem nicht die einzige: in weiten Teilen der Schweiz und besonders im Gebirge ist es aufgrund der überhöhten Wildbestände nicht möglich die gewünschten Baumarten ohne zusätzliche Schutzmassnahmen (Kosten!) zu verjüngen. 

Das Paradox im Adaptiven Waldbau liegt darin, dass, um den Wald anzupassen, der Wald verjüngt werden muss. Das heisst, um die Wälder langfristig zu erhalten, müssen sie teilweise kurzfristig «übernutzt» werden.

Welche Versorgungsleistungen/ Regulationsleistungen/Kulturelle Leistungen erbringt der Wald heute für uns?

Da verweise ich am liebsten auf die Zusammenstellung von WaldSchweiz, die ich zu diesem Zweck auch in meinem Buch verwende.

Die ökonomisch wichtigste Leistung liegt im Schutz vor Naturgefahren, da sind die Summen astronomisch. Nur leider sind das theoretische Werte, die nicht systematisch abgegolten werden (es wird die Pflege, nicht aber die eigentliche Leistung bezahlt).

Haben Sie einen Lieblingswald und falls ja, warum genau dieser?

Nicht wirklich. Das spannende am Wald ist ja genau, dass jeder Wald seine eigene Geschichte erzählt. So wird eine knapp 80-jährige Fichtenmonokultur plötzlich zum Zeitzeugen der Wiederaufforstung nach der grossen Anbauschlacht im zweiten Weltkrieg. Alte Douglasien zeugen von Reisen des Forstpersonals in die damals noch jungen USA, um Saatgut mitzubringen. 

Mit solidem Grundlagenwissen und einem scharfen Blick können wir dem Wald so einiges an Geschichten entlocken. Das fasziniert mich.

 

 

 

 

 

Peer Schilperoord betreute als Biologe 1982–2020 Schau- und Versuchsgärten im Schweizer Berggebiet. 1989–2000 war er Geschäftsführer der Genossenschaft Gran Alpin.

Julian Muhmenthaler ist Umweltnaturwissenschaftler und Fachdidaktiker in Umweltlehre. Hauptberuflich bildet er zukünftige Förster:innen aus und setzt sich freiberuflich für die Kommunikation rund um Wald ein, um den Dialog zu fördern und die Leidenschaft für den Wald und dessen Pflege auch für die Öffentlichkeit greifbar zu machen.

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