Tattoos der indigenen Völker Nordamerikas
Seit Jahrtausenden sind Tätowierungen oder dauerhafte Körpermarkierungen für Menschen eine Möglichkeit, ihre individuelle oder Gruppenidentität zur Schau zu stellen, wichtige Lebensereignisse und Lebenswege zu markieren oder ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Das Tätowieren zeugt historisch und kulturübergreifend von gelebten Formen menschlicher Existenz.
In «Haut und Tinte» feiert Lars Krutak die kulturelle Beständigkeit und das Überleben der Tätowierpraktiken indigener Völker und hebt auch ihren bemerkenswerten Erfindungsreichtum, ihre Kreativität und ihre Heilungsprozesse im Angesicht von Kulturverlust hervor. Historisch ist das Tätowieren eine von vielen indigenen Kulturpraktiken, die durch Kolonisationsprozesse, den Einfluss fremder Religionen, Bildung, Naturkatastrophen, Krankheiten und Konflikte betroffen sind. Jedes indigene Volk erlebte diese Prozesse auf andere Weise und mit unterschiedlichen Auswirkungen. Sehr oft wirkten sie zerstörerisch, riefen manchmal aber auch kreative Reaktionen hervor. Einige Tätowierpraktiken blieben bestehen, andere gingen zurück und einige verschwanden ganz.
Obwohl Artikel in Tattoo-Zeitschriften vor über 40 Jahren das weltweite Interesse an indigenen Tätowierungen weckten, blieben die indigenen Beiträge zu Ursprüngen, Kunst, Geschichte, Ausübung und Weiterführung des Tätowierens über die Jahrtausende weitgehend verkannt. Lars Krutak stellt diese Praktiken in seinem Buch ins Rampenlicht, indem er die künstlerischen Erfolge früherer und aktueller indigener Tattookünstler:innen und die kulturellen Überzeugungen vorstellt, die überlieferte Tätowierpraktiken stützen. Die zu ihrer Zeit gefeierten Künstler:innen hinterließen ein beachtliches Erbe ihrer Kunst und Leistung, das noch heute neue Generationen inspiriert.
In diesem Beitrag stellen wir Ihnen Dion Kaszas, dessen Wurzeln bei den nordamerikanischen indigenen Völkern der Nlaka’pamux und der Métis liegen, und seine Tattoo-Kunst vor.
Dion Kaszas: Indigene Identität neu denken und stechen
Die Tätowierkunst wurde einst von fast jeder indigenen Nation in Nordamerika praktiziert. Von der Hocharktis bis in die Wüsten des Südwestens und die Wälder im Osten verewigten Tätowierungen einzigartige kulturelle Identitäten und indigene Wissenssysteme auf menschlichen Körpern, die tief mit ihrem Heimatland, mit Klans, Abstammungen, Familien und Ahnengemeinschaften verbunden waren. Nach Jahrhunderten des Kolonialismus, der Missionierung und der erzwungenen kulturellen Anpassung waren diese verbreiteten kulturellen Praktiken nahezu verschwunden, bis vor einigen Jahrzehnten in mehreren indigenen Gemeinschaften eine Bewegung zur Wiederbelebung dieser Traditionen entstand, die bis heute andauert. Für kulturelle Tattookünstler:innen und Autor:innen wie Dion Kaszas, dessen Wurzeln bei den Nlaka’pamux und den Métis liegen, ist «das Wiederaufleben des Tätowierens zu einem Mittel geworden, unsere indigenen Identitäten und sogar unsere Körper aus der kolonialen Maschinerie zurückzufordern, die uns spalten, kontrollieren und auslöschen wollte», erklärt er. «Heute enthalten unsere Tattoos auch das Wissen um die Prozesse der Kolonialisierung, unseren Widerstand und unsere Resilienz dagegen.» Kaszas, der ursprünglich aus Salmon Arm im kanadischen British Columbia stammt, tätowiert seit fast fünfzehn Jahren. Er begann mit einer elektrischen Tätowiermaschine, erlernte im Laufe der letzten zehn Jahre jedoch die überlieferten Tätowiertechniken seiner Nlaka’pamux-Vorfahren: Handpoking und Einnähen. Er verband nicht nur seine Nlaka’pamux-Kund:innen wieder mit ihrer kulturellen Tätowiertradition, sondern tat dasselbe auch für Angehörige zahlreicher anderer First Nations wie Nêhiyaw (Cree), Sécwepemc, St’at’imc, Shuswap, Syilx, Métis und vielen weiteren.
Dion Kaszas bei der Arbeit an Alison Cuffleys Blackwork-Sleeve, der schützende Nlaka’pamux- Muster enthält und die Verbindung zu Zedern und ihren Schutz ehrt. (2023)
Den ersten Kontakt mit den überlieferten Tätowiertraditionen seines Volkes hatte Kaszas 2006, als er in einem Tattoostudio beim Warten auf seinen Termin auf eine obskure Zeitschrift stieß. Ab diesem Zeitpunkt sammelte er jeden ethnografischen Bericht und befragte Mitglieder seiner Familie, seines Freundeskreises und seiner Gemeinschaft zu dem Thema. Zusätzlich studierte er die visuelle Sachkultur der Nlaka’pamux wie Felsbilder, Korbflechten, Textilmuster und Schnitzereien. In einigen Fällen fand er dort identische oder ähnliche Muster wie in der traditionellen Tätowierkunst, die die Gemeinschaft mit ihrer Gegend, dem angestammten Land, ihrer Geschichte und ihren Identitäten verbanden. Kulturelle Identität ist in der heutigen Welt ein komplexes Thema für viele indigene und nichtindigene Menschen, insbesondere im Hinblick auf aktuelle Tattoo-Revivals. Kaszas schreibt: «Das Wiederaufleben der indigenen Tätowierkunst ist ein Prozess der Reindigenisierung. Wir nutzen unsere traditionellen Tätowierpraktiken auf eine Weise, die vermittelt, wer wir im Kern unseres Wesens sind. Unsere Vorfahren mussten sich keine Gedanken darüber machen, wer sie waren, weil sie in einer Gemeinschaft mit Geschichten, Kultur und Sprache aufwuchsen, die ihre Identität bestätigten. [Und] wenn wir unsere traditionellen Tätowierungen annehmen, leisten wir Widerstand gegen die Kolonialisierung und bekräftigen unsere Identität in einer Weise, die uns uns selbst und der Welt gegenüber als indigeneMenschen sichtbar macht.»
Nlaka’pamux-Blackwork von Dion Kaszas, 2023. Toonasa Tsekes Bodysuit enthält ein Frosch-Piktogramm und Muster für den Schutz und die Verbindung mit Bergen, Wäldern und Bäumen.
Doch als jemand, der dauerhafte Markierungen auf der Haut anderer Menschen hinterlässt, ist Kaszas bewusst, dass seine Arbeit eine große Verantwortung mit sich bringt, die in seiner Gemeinschaft, seiner Familie, seinen Ahnen, seiner Beziehung zum tmíxw (Land), der Gemeinschaft indigener Tattookünstler:innen und zukünftigen Generationen von Träger:innen indigener Tattoos wurzelt. Sein Ziel besteht darin, anderen beizubringen, wie indigene Menschen ihre Tätowierungen erleben und was sie ihnen letztlich bedeuten, denn nur dann können wir unsere Gedankenwelt dekolonialisieren und uns über die Kunst des Tätowierens mit indigenen Erkenntnislehren des Wissens, Denkens und Seins beschäftigen.
Von Dion Kaszas mit der Hand gestochene Sylixund Cree-Gesichtstattoos, 2017
Lars Krutak ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum of International Folk Art in Santa Fe, New Mexico, sowie Anthropologe, Autor, Kurator und Fotograf. Er hat zahlreiche internationale Tattoo-Ausstellungen kuratiert und moderierte die Discovery Channel-Serie „The Tattoo Hunter“. Seine Fotografien wurden unter anderem im Museum of Modern Art (New York), im Musée du quai Branly (Paris) und im Puschkin-Museum für Bildende Künste (Moskau) ausgestellt. Er ist Autor von fünf Büchern und mehr als neunzig Artikeln für wissenschaftliche Zeitschriften, Fachbücher und populäre Magazine zum Thema Tätowierungen. Lars hat außerdem Feldforschungen in mehr als fünfzig indigenen Gesellschaften in fünfundzwanzig Ländern durchgeführt. Weitere Informationen über Lars' Arbeit finden Sie unter www.larskrutak.com.