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Ein kleiner Vogel mit großer Geschichte

Armes, graues Vöglein, Phallus und Getreidedieb - Der Spatz im Mittelalter

Seit Tausenden von Jahren lebt der Haussperling dicht bei uns Menschen – klein, unscheinbar – und doch ein Vogel, der die Welt eroberte. In «Der Spatz» erzählt der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre die faszinierende Geschichte dieses vertrauten Vogels und zeigt, wie eng seine Entwicklung mit jener des Menschen verbunden ist.

Von der bronzezeitlichen Indus-Kultur bis ins antike Athen, von den neonblinkenden Boulevards von Las Vegas bis zu den eisigen Bahnhöfen Sibiriens: überall taucht der Haussperling auf. Warum ist das so? Weil der Spatz die unglaubliche Fähigkeit besitzt, sich Lebensbereichen anzupassen, die wir Menschen geschaffen haben. Die Nahrung, die wir produzieren, die Häuser, die wir bauen, und die Transportmittel, die uns von einem Ort zum anderen bringen, haben auch dem Haussperling zu seinem Erfolg verholfen. 

Der Sperling hat in alten Zeiten ziemlich viele Spuren hinterlassen. Nicht vielen Vogelarten ist ein so zentraler Platz in der Ideenwelt der Menschen vergönnt wie diesem kleinen Vogel. Im Matthäus-Evangelium steht er für kleine, armselige Wesen, um die sich keiner kümmert, die aber trotzdem von Gott geliebt und gewürdigt werden. In der Literatur und Mythologie der griechischen Antike hingegen ist er gar nicht armselig, sondern ein potentes Symbol der Liebe und Fruchtbarkeit – ein Vogel, mit dem sich die olympischen Götter und Göttinnen umgeben. Dennoch war der Sperling nicht immer und überall beliebt. Er ist auch ein Getreidedieb, was den Haussperling und seine nächsten Verwandten auch verhasst machte, wie in den Geschichten aus dem Alten Ägypten.
Wie haben die alten Vorstellungen die neuere Zeit geprägt? Welche neuen Geschichten sind hinzugekommen, und wie hat ihre Botschaft den Blick der Menschen auf den Sperling und die Natur im Allgemeinen geändert? Der Autor nimmt uns im Buch auf eine Reise zu historischen Entwicklungen in Europa von der Römerzeit bis ins Mittelalter, die für die Vogelart von Bedeutung waren. Wir schauen uns hier im Folgenden die Bedeutung der Spatzen vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit genauer an.

Saetre, Glenn-Peter; Zuber, Frank (Übersetzung)
Der Spatz Book

CHF 26.00 CHF 22.10*

 

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Foto: Fiona Hofer

 

Spatzen im Mittelalter

Die mittelalterlichen Bestiarien und andere Quellen ordnen die Tiere in das christliche Weltbild ein, das die westliche Kultur wesentlich geprägt hat. In der Renaissance erwacht das Interesse an der Kultur, Philosophie und Kunst der Antike wieder, was keineswegs bedeutet, dass Dichter, Künstler und Denker sich deshalb vom Christentum entfernt hätten. Wenn Vögel und andere Tiere in der Kunst abgebildet wurden, waren sie oft Metaphern einer christlichen Botschaft.

Angesichts der starken Stellung des Christentums in der Geschichte und Kultur des Abendlandes überrascht es kaum, wie sehr die «Sperlingsverse» aus dem Matthäus-Evangelium unseren Blick auf den Sperling geprägt haben: «Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Dennoch fällt deren keiner auf die Erde ohne euren Vater» (Matthäus 10, 29–30). Im Matthäus-Evangelium steht er für kleine, armselige Wesen, um die sich keiner kümmert, die aber trotzdem von Gott geliebt und gewürdigt werden.

Abgesehen von der religiösen Moral haben die viel zitierten Verse aus dem Matthäus-Evangelium auch unseren Blick auf den Sperling im Allgemeinen geprägt. In vielen Liedern, Gedichten und Kinderbüchern begegnen uns Varianten des «armen Vögleins», das keine feinen Federn und keinen schönen, langen Schwanz hat. Nicht einmal singen kann es, nur piepen. Dafür aber leistet es uns Gesellschaft, wenn die meisten anderen Vögel den Winter über nach Süden gezogen sind.

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Foto: Fiona Hofer

 

Spatzen als Essen und Medizin

Zwischen den Zeilen verrät Matthäus’ Gleichnis auch etwas sehr Konkretes. Sperlinge standen lange Zeit auf dem Speiseplan der Menschen. Archäologen fanden des Öfteren Kncohen von Sperlingen und anderen Kleinvögeln in Küchenabfällen aus dem Mittelalter. (Quelle: Schatz H (1963) Die Tierknochenfunde aus einer mittelalterlichen Siedlung Württembergs. Dissertation Universität Ludwigs-Maximilian-Universität, München.)

Mancherorts galt der Sperling sogar als Aphrodisiakum. Der englische Franziskanermönch Bartholomaeus Anglicus (ca. 1203–1272) zitiert ältere Quellen dafür, dass der Sperling ein «heißer und lüsterner Vogel» sei, weshalb sein Fleisch sich dazu eigne, die Lust des Fleisches zu erwecken. (Quelle: Badke, 2024) In Europa kann der Glaube an den Sperling als Potenzmittel wohl auf antike Texte zurückgeführt werden, die ihn als Symbol der Liebe und Fruchtbarkeit schildern.

Der englische Dichter Geoffrey Chaucer (ca. 1343–1400) lässt in dem Traumgedicht The Parliament of Foules («Das Parlament der Vögel») den Ich-Erzähler ein Werk von Cicero lesen und dabei einschlafen. Im Traum wird er durch den Tempel der Liebesgöttin Venus ins Licht der Sonne geführt, wo die Natur als personifizierte Frauengestalt alle Vögel zur Partnersuche versammelt hat. Der Sperling wird dort als Sohn der Venus bezeichnet. (Quelle: Todd K (2012) Sparrow. Reaktion Books, London.) 

Wohnhilfe

Sperlinge haben keine Probleme, selbst Ritzen und Hohlräume in Gebäuden zu finden, wo sie ihre Nester bauen können. Trotzdem bieten wir Menschen ihnen schon seit langer Zeit Nisthilfen an. Vom frühen 16. Jahrhundert an wurde es in Nordeuropa üblich, Nistkästen aus Terrakotta an den Hauswänden aufzuhängen.

Wir wissen nicht genau, warum die Menschen schon damals auf diese Weise halfen. Die Ergänzung des Speiseplans kommt kaum mehr als Motivation infrage. Vielleicht sollten die Sperlinge von den Dächern und Wänden weggelockt werden, wo sie Schäden anrichten konnten. Der Haussperling kann den Mörtel zwischen Mauersteinen wegkratzen, um Hohlräume oder Eingänge zu vergrößern. Oder es war eine Maßnahme gegen lästige Insekten. Natürlich ist auch damals nicht auszuschließen, dass die Leute es einfach schön fanden, Vögel in ihrer Nähe zu haben.

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Foto: Fiona Hofer

 

Stimmungsumschwung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ändert sich die Haltung der Menschen gegenüber Sperlingen wieder. In mehreren Ländern Europas veranlassten die Regierungen und zuständigen Behörden etwa zur gleichen Zeit Maßnahmen, um den Sperling als Schädling zu bekämpfen. Ratten, Mäuse und andere unerwünschte Arten hatte dies schon immer betroffen, doch nun kam auch der Sperling auf die schwarze Liste. Wahrscheinlich waren die Bestände inzwischen so gewachsen, dass sie mancherorts tatsächlich zum Problem wurden.

Glenn-Peter Sætre (geb. 1965) ist Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Oslo. Er hat sich insbesondere mit der Erforschung der Artbildung bei Vögeln beschäftigt.

Foto: Leikny Havik Skjærseth

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