So funktioniert Biodiversität in der Landwirtschaft
Jede:r kann etwas zur lokalen Biodiversität beitragen!
Jeder Landwirtschaftsbetrieb ist einzigartig und bietet unzählige Möglichkeiten, die Biodiversität zu fördern. Schon einfache Schritte bewirken viel und unterstützen gleichzeitig die Produktion, etwa durch mehr Nützlinge und eine bessere Bodenfruchtbarkeit.
Hier setzt das neue «Praxishandbuch Biodiversität in der Landwirtschaft» vom FiBL und der Schweizerischen Vogelwarte an! Darin finden Schweizer Landwirt:innen Informationen zu einer grossen Auswahl an Massnahmen, Strukturelementen und den Biodiversitätsförderflächen. Praxistipps helfen bei der erfolgreichen Umsetzung, sei es auf der Wiese, in Ackerkulturen oder rund ums Haus.
Wichtig dabei: Jedes Engagement, ob groß oder klein, ist ein Gewinn für mehr Vielfalt und für eine starke landwirtschaftliche Produktion.
In diesem Beitrag soll ein Einblick ins Buch und die praktischen Tipps zur Förderung der Biodiversität ermöglicht werden. Dazu stellen wir Ihnen nach einer kurzen Einführung gleich konkrete Massnahmen, wie etwa das Anlegen eines Feldlerchenfensters oder Beobachtungspunkte bei der Mahd vor. Zudem werden wichtige Links aufgeführt, unter denen man weiterführende Infos zu Beratungsangeboten und möglichen Biodiversitätsbeiträgen findet.
Viel Vergnügen beim Eintauchen und beim zukünftigen Angehen und Umsetzen!
Lebensraumpotenziale
In eintönigen Kulturlandschaften ohne Strukturen finden nur wenige Tier- und Pflanzenarten geeignete Lebensbedingungen. Eine Landschaft mit einem Mosaik an unterschiedlichen Kulturen und Strukturen bietet für Tiere ein ganzjähriges Lebensraumangebot. Es existieren Nahrungsquellen sowie Versteck- und Fortpflanzungsmöglichkeiten. Über genügend flächige Verbindungsbereiche können sie sich geschützt zwischen Lebensräumen hin- und herbewegen und optimal ausbreiten. Viele Pflanzenarten kommen nur in Landschaftsbereichen mit geringer Bewirtschaftungsintensität vor. Diese besondere Pflanzenwelt zieht wiederum auch spezifische Tiere an. Je grösser die Vielfalt der Lebensräume in der Kulturlandschaft ist, desto mehr Tier- und Pflanzenarten können existieren.
Wege zum Erfolg
Eine gute Biodiversitätsstrategie führt zum Erfolg: Dazu gehört nicht nur eine realistische Schätzung des Arbeitsaufwands und der anfallenden Kosten für die Anlage, sondern auch für die Unterhaltsarbeiten. Durch eine gute Integration der Biodiversitätsförderflächen (BFF) in den Betriebsablauf lassen sich unnötige Zusatzkosten vermeiden und die Wirtschaftlichkeit verbessern.
Wissen als Grundlage
Weiterbildungs- und Fachkurse vermitteln praxisnahes Wissen, etwa zur Nützlingsförderung, zur Anlage artenreicher Flächen, zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und vielem mehr. Sie zeigen auf, wie sich Biodiversitätsfördermassnahmen sinnvoll in die Betriebsabläufe integrieren und die Betriebsziele unterstützen lassen. Kurse helfen den Teilnehmenden, sich praktikable Vorgehensweisen anzueignen und bieten Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.
Onlineangebote, Apps und Bestimmungsbücher sind wertvolle Hilfsmittel, um typische Arten des Kulturlands zu identifizieren und ihr Vorkommen besser zu verstehen. Dieses Wissen ist eine wertvolle Grundlage für fundierte Entscheidungen zur Förderung der Artenvielfalt, sei es bei der Standortwahl, dem Pflegetermin oder der Auswahl geeigneter Pflanzenarten und -sorten.
Förderung und Beratung
Biodiversitätsförderung kann in vielen Fällen durch Direktzahlungen oder Programme auf kantonaler oder nationaler Ebene unterstützt werden. Eine gute Planung verbessert die Chancen auf eine erfolgreiche Antragstellung.
Eine gesamtbetriebliche Beratung ist in der Planungsphase besonders nützlich. Vor Ort können Beratungspersonen die individuellen Betriebsbedingungen und Möglichkeiten erfassen. Ein externer, objektiver Blick auf den Betrieb kann helfen, neue Potenziale zu erkennen und realistische, umsetzbare Massnahmen vorzuschlagen.
Fauna-schonende Erntemethoden
Der gezielte Einsatz geeigneter Geräte und angepasster Mähmethoden trägt dazu bei, die Überlebenschancen von Tieren während der Mahd deutlich zu erhöhen.
Bedeutung
Die Ernteprozesse im Grünland sichern die landwirtschaftliche Futtergrundlage, sie stellen aber für die Wiesenbewohner:innen einen erheblichen Eingriff dar. Ihr Lebensraum verschwindet und viele werden durch die eingesetzten Maschinen verletzt oder getötet.
Besonders gefährdet sind im hohen Gras versteckte Jungtiere wie Rehkitze (April bis Juni), junge Feldhasen (ab März) sowie die Gelege bodenbrütender Vogelarten, da deren Hauptaufzucht- und Brutzeit vollständig in den Zeitraum der Heuernte fällt. Schutzmassnahmen helfen, die Tiere rechtzeitig zu erkennen und ihr Überleben zu sichern. Die Wahl der Maschine kann die negativen Auswirkungen ebenfalls stark begrenzen. Bei einer Mahd früh am Morgen oder spät am Abend werden weniger Insekten geschädigt.
Schutzmassnahmen vor und während der Mahd
- Absuchen der Wiesen nach Wildtieren
- Vergrämung der Wildtiere
- Wahl des richtigen Zeitpunktes
- Geeigneter Geräteeinsatz
- Angepasste Mahdrichtung
Umsetzung in die Praxis
Der passende Zeitunkt der Mahd, die Wahl des Mähwerkes, eine angepasste Schnitthöhe und die richtige Schnittrichtung sichern die langfristige Produktivität der Fläche, ohne den Ertrag zu mindern. Eine langsamere Arbeitsgeschwindigkeit oder schonende Mähwerke schützen neben den Tieren auch Pflanzen und Boden.
Zeiten und Witterung
Die Mahd sollte möglichst bei geringem Insektenflug erfolgen, wenn weniger als eine Biene pro Quadratmeter unterwegs ist. Auch bei bewölktem Himmel und kühleren Temperaturen ist die Mahd für die Insektenfauna verträglicher. Nachts besteht hingegen ein Risiko für Nachtfalter.
Rehkitze und Bodenbrüter schützen
Um Rehkitze zu schützen, müssen Wiesen vor der Mahd abgesucht werden: durch eine Begehung, den Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras oder mit Hunden. Die Kombination verschiedener Massnahmen ist besonders wirksam. Die Rehkitze werden nicht mit blossen Händen angefasst: Sie können mit Gras in eine Kiste gelegt oder am Fundort vorübergehend unter einer Kiste fixiert werden. Ein grosszügiger, ungemähter Pufferbereich muss bis zum Flugalter von jungen Vögeln aufrechterhalten werden (am besten wird die Fläche erst ab Mitte Juli gemäht).
Vergrämung
Zur Vergrämung von Wildtieren können Absperrbänder, flatternde Aluminium- oder Plastikbänder, CDs, Luftballons oder Warnblinker eingesetzt werden. Auch das Anmähen der Wiese am Vorabend kann helfen: Das warnt die Tiere und Rehgeissen können ihre Kitze in Sicherheit bringen. Rehe gewöhnen sich rasch an gleichbleibende Reize. Deshalb sollten diese Mittel erst einen Tag vor der Mahd angebracht werden.
Angepasste Mahdrichtung
Die Mahdrichtung sollte so gewählt werden, dass Tiere in ungemähte Bereiche oder an den Wiesenrand fliehen können. Befindet sich eine Strasse in der Nähe, sollte von dort weg gemäht werden, um zu verhindern, dass die Strasse zur Falle wird. Besonders wirksam sind stehengelassene Randbereiche oder zentral gelegene, ungemähte Flächen.
- Bild 1 & 2: Wird von innen nach aussen gemäht oder eine Restfläche im Zentrum stehen gelassen, wird die Fauna geschont.
- Bild 3: Bei Wiesen entlang von Strassen sollte auf der Strassenseite mit dem Mähvorgang begonnen werden.
- Bild 4: Bei einer Mahd vom Parzellenrand nach innen werden Kleintiere ins Zentrum getrieben, wo sie verletzt oder getötet werden können.
Mähtechnik
Balkenmäher oder Doppelmessermähwerke reduzieren Verletzungen sowie die Todesrate der Insekten deutlich. Scharfe Klingen schneiden die Pflanzen glatt ab, statt sie zu quetschen oder zu reissen. Dies fördert zusätzlich einen schnelleren Wiederaustrieb. Besonders schädlich ist der Einsatz von Mähaufbereitern, welche die Pflanzen knicken oder quetschen und dabei zahlreiche Insekten verletzen oder töten.
Verzicht auf Mulchen
Das Mulchen, also das Zerkleinern und Liegenlassen des Schnittguts, führt zu hohen Verlusten bei Kleintieren und begünstigt eine Nährstoffanreicherung in den Wiesen. Flächen, auf denen die Artenvielfalt gefördert werden soll, eignen sich daher nicht zum Mulchen.
Zetten, Schwaden, Futterkonservierung
Die weiteren Arbeitsschritte nach dem Mähvorgang, wie Zetten, Schwaden oder das Pressen zu Silageballen, verursachen oft noch mehr Verluste bei Kleintieren als das Mähen selbst. Für die Wiesenfauna ist deshalb die Reduktion der Überfahrten auf das Nötigste vorteilhaft. Bei einer Bodentrocknung des Schnittgutes können sich Pflanzen versamen und die mobilen Kleintiere fliehen.
Herausforderungen
Besonders auf intensiv genutzten Wiesen stehen betriebswirtschaftliche Aspekte und die Futterqualität im Vordergrund. Fauna-schonende Erntemethoden sind oft langsamer und aufwändiger. Wenn die Arbeiten von Dritten oder Unternehmen durchgeführt werden, kann es schwierig sein, die Prozesse anzupassen. Zudem sind geeignete Tage zum Trocknen am Boden je nach Witterung knapp, weshalb Silage oft eine praktische Lösung darstellt. Es lohnt sich jedoch, flächenweise zu überlegen, welche Maschine und welche Art der Grundfuttergewinnung wo am besten eingesetzt wird.
Die Suche und Vergrämung von Rehkitzen kostet Zeit. Falls diese Arbeiten nicht ausgelagert werden können, sollten Schutzmassnahmen vorrangig auf Mähwiesen in Waldnähe umgesetzt werden.
Feldlerchenfenster
Feldlerchenfenster (Patches) sind leicht umzusetzen. Es handelt sich um mehrere offene Stellen inmitten der Hauptkultur, auf denen kein Saatgut ausgebracht wird. Solche Flächen bieten bodenbrütenden Vögeln offene Bereiche, in denen sie Nahrung suchen können. Feldlerchen haben so ausserdem Zugang zu relativ sicheren Nistmöglichkeiten mitten im Feld.
Umsetzung in die Praxis
Für Feldlerchenfenster wird die Sämaschine kurz angehoben. Die «Patches» werden der Spontanbegrünung überlassen oder mit einer regionalen Saatmischung mit Ackerbegleitflora angesät. Sie sind mindestens 100 m von Waldrändern oder befahrenen Strassen entfernt. Feldlerchenfenster sind besonders wirksam, wenn sie mit weiteren Massnahmen kombiniert werden, die das Nahrungsangebot verbessern, etwa mit Biodiversitätsförderflächen (BFF) und dem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel.
Grösse
Die Grösse hängt von der Breite der Sämaschine ab. Pro Hektar eignen sich 2 bis 4 Fenster mit mindestens 20 m2.
Richtiges Timing
Im Frühling sollte ab Mitte April auf Flächen mit Feldlerchen, anderen bodenbrütenden Vögeln oder Feldhausen auf mechanische Unkrautregulierung verzichtet werden.
Offene Bodenstellen
Offene Bodenstellen sind Flächen, auf denen der Boden freigelegt oder nur spärlich mit Vegetation bedeckt ist, sei es aufgrund geringer Fruchtbarkeit, steinigen Untergrunds oder der Bodenbearbeitung. Diese Zonen können zwischen oder in den Kulturreihen liegen. Sie können aber auch in ungenutzten, weniger produktiven Bereichen vorkommen.
Bedeutung
Eine lückige Vegetation und offene Substrate bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Rückzugs- und Brutmöglichkeiten. Kleine vegetationsfreie Flächen können die Nestdichte bodenbrütender Wildbienen gegenüber bewachsenen Flächen um mehr als das Zehnfache erhöhen. Damit unterstützen sie direkt die Bestäubung von Kulturpflanzen. Einige Wildbienen und verschiedene Wespenarten legen ihre Eier im kahlen Boden ab.
Auch Vogelarten wie Wiedehopf, Wendehals, Heidelerche und Gartenrotschwanz profitieren von offenen und halboffenen Flächen, in denen sie leicht Insekten finden.
Umsetzung in die Praxis
Unbefestigte Wege sowie Randbereiche aus Kies oder Sand bilden wertvolle Freiflächen, die ohne Düngung und intensive Begrünung erhalten werden können.
Offene Bodenstellen in Reb- und Obstgassen werden gezielt mit Spatenmaschine, Flachschare, Fräse oder Scheibenpflug angelegt. Für kleinere Flächen eignen sich manuelle Verfahren wie Hacken. Wenn diese Flächen von dichter Vegetation überwuchert werden, empfiehlt sich eine mechanische Nachbearbeitung. Die Pflege offener oder niedrig wachsender Bodenflächen erfolgt regelmässig durch Hacken oder maschinelle Bearbeitung. Auf den Einsatz von Herbiziden wird möglichst verzichtet, um die funktionelle Artenvielfalt zu schützen.
Herausforderungen
Bei unzureichender Pflege können offene Bodenstellen Unkräuter, invasive Neophyten oder Erosion begünstigen. Diese Bereiche müssen daher beobachtet und räumlich begrenzt werden – so können sie ihre positive ökologische Wirkung entfalten. Problempflanzen müssen fortlaufend überwacht werden.
Das FiBL (Forschungsinstitut für Biologischen Landbau) ist die weltweit führende Forschungseinrichtung im Bereich der Biolandwirtschaft. Als Systemforschungsinstitut steht das FiBL seit über 50 Jahren für interdisziplinäre Exzellenz, eine enge Zusammenarbeit mit der Praxis und einen umfassenden Wissensaustausch entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Rund 500 Mitarbeitende sind an Standorten in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Frankreich sowie in Brüssel für das FiBL tätig. Sie arbeiten an der Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Ernährungssysteme, damit sich künftig alle Menschen sicher und gesund im Einklang mit der Natur ernähren.
Die Schweizerische Vogelwarte ist eine gemeinnützige Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz. Sie überwacht die Bestände der einheimischen Vögel und erforscht deren Lebensweise. Im Kulturland setzt sie sich für eine wildtierfreundliche Landwirtschaft mit hochwertigen und vernetzten Lebensräumen ein. Mit Partnern entwickelt sie Schutz- und Förderprogramme für gefährdete Vögel. Sie berät Landwirtinnen und Landwirte und kantonale Fachstellen und engagiert sie sich in der landwirtschaftlichen Ausbildung.